30. Juni 2014
Brasilien 2014: 25 Spieltage. 25 Kulturtipps.

Zwischen Heimat und Heimatlosigkeit (9/25)

Begleitend zur WM präsentiert TheTitle zu jedem Spieltag einen brasilianischen Kulturtipp. Heute: Mira Schendel.

von Rudolf Amstutz
Mira Schendel, «Graphic Object» (1967). Colección Patricia Phelps de Cisneros Foto: © mira schendel estate

Mira Schendel gehört zu den bedeutendsten Protagonisten der bildenden Kunst Lateinamerikas des 20. Jahrhunderts. Ihr Gesamtwerk – so verschieden die jeweiligen Ansätze im Laufe ihrer Karriere auch waren – zeigen eine Künstlerin im Spannungsfeld zwischen Heimat und Heimatlosigkeit. Schendel wurde 1919 in Zürich als Myrrah Dagmar Dub geboren. Als die Eltern sich trennten, zog sie mit ihrer Mutter nach Italien, wo sie als Jüdin katholisch getauft und erzogen wurde. Dennoch fand sie sich als Flüchtling wieder, lebte zeitweilig in Sofia und Sarajevo. 1949 emigrierte sie nach Brasilien, heiratete dort den deutschen Emigranten Knut Schendel und begann zu malen. In den 1950er Jahren fand sie sich relativ rasch im intellektuellen Zirkel São Paulos wieder, der rund um die Buchhandlung Canuto entstand. Aus dieser lebhaften Szene von Künstlern, Literaten und Philosophen aus allen Herren Länder heraus, entwickelte Schendel in der Folge ihren ganz eigenen künstlerischen Ausdruck.

Schendel  begann zwar als abstrakte Malerin, doch mit der Entdeckung des filigranen Reispapiers wurde sie mehr und mehr zur Konzeptionistin. Sie nannte ihre Objekte und Bilder «Das kleine Nichts» oder «Kleine Züge», doch versteckten sich hinter diesen «Verkleinerungen» oft grosse Gedanken. Als Vielgereiste und Heimatlose, die alle Sprachen nur mit einem Akzent sprechen konnte, wurden Buchstaben sowohl Symbol für die Existenz wie auch für die Existenzlosigkeit. Getrennt voneinander verwandelten sich die Buchstaben zu einer reinen grafischen Form: ihre Bedeutung verflüchtigte sich oder öffnete sich für Interpretationen in mehrere Richtungen.

Schendel ging in der Folge noch weiter, vergrösserte ihre Werke zu Rauminstallationen, durch die der Betrachter wandeln konnte, um sich in einer verspielten Schwere respektive schwergewichtigen Leichtigkeit wiederzufinden. Damit repräsentiert Schendel mit ihrem Werk auch die brasilianische Identität, die sich ebenfalls in diesem Spiel der Kontraste definiert.

In den 1980er Jahren begann sie der Sprachlosigkeit doch noch Worte entgegen zu setzen und begann zu schreiben. Zudem experimentierte sie mit dem Medium Film. Diese neuen künstlerischen Richtungen konnte sie allerdings nicht mehr zu Ende bringen. Schendel starb 1988 im Alter von 69 Jahren in São Paulo. Heute sind ihre Werke in den namhaftesten Museen dieser Welt vertreten, darunter auch dem Museum of Modern Art MoMA in New York. Kürzlich ehrte sie die Tate Modern in London mit einer Retrospektive, bei der rund 270 Arbeiten gezeigt wurden. 

#-#IMG2#-##-#SMALL#-#Empfohlenes Buch:

Katalog zur Ausstellung in der Tate Modern in London: 

Tanya Barson (Hrsg.). Mira Schendel. Tate Publication 2014. Paperback. Englisch. 260 Seiten. CHF 53,50

Tate Britain: Kurzporträt Mira Schendel (Video) »

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