Von gestürzten Engeln
(Dieser Beitrag erschien erstmals in TheTitle Nr. 15, 5. Juni 2008)
#-#QUOTE#-#Du lebst wie im Film, warf sie mir vor. Kamerafahrten, Vogelperspektiven, Close-ups, immer bist du zu fern oder zu nah. Du lebst in Möglichkeiten, statt im Konkreten. (…) Du erfindest für alle Menschen, die du siehst, deine Geschichten, nur deine eigene Geschichte findest Du nicht.
Albert Ostermaier, aus Zephyr#-#QUOTE#-#
Als Lyriker wird er bewundert, als Dramatiker gehört er zurzeit zu den meistaufgeführten Autoren an deutschen Theatern: Albert Ostermaier. Seit 2003 ist der 1967 geborene Münchner der Hausautor des Wiener Burgtheaters, er ist zudem der Künstlerische Leiter des Poesiefestivals Lyrik am Lech sowie des Internationalen Brecht-Festivals. 2003 wurde ihm der Kleist-Preis verliehen. Zu seinen Werken gehören Für den Anfang der Nacht (gesammelte Liebesgedichte) oder Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut.
Ein beeindruckendes Palmarès hat der doch noch recht junge Autor vorzuweisen. Einzig ein Roman, so schien es, fehlte noch zum vollendeten Glück. Dass auch dieser von der verschwenderischen Kraft der Sprache dieses Lyrikers leben würde, durfte man erwarten. Nun ist aber Zephyr weitaus mehr geworden als ein Roman. Vielleicht ist das Buch sogar sehr vieles – ausser einem Roman. Zephyr ist ein Versuch, eine Anordnung, ein Gedanken- und Verwirrspiel, ein wild wucherndes Plädoyer für die Sprache und ein Essay über die Liebe.
#-#IMG2#-#Ausgangspunkt der Geschichte ist ein tragischer Vorfall, der sich in der Nacht des 26. Juli 2003 in der litauischen Hauptstadt Vilnius zugetragen hat. Dort dreht die berühmte französische Schauspielerin Marie Trintignant unter der Regie ihrer Mutter Nadine einen Film. Mit von der Partie ist auch ihr Geliebter, Bertrand Cantat, seines Zeichens französischer Rockstar, Sänger und Kopf der Band Noir Désir. In dieser Nacht kommt es wie schon oft zuvor zu einer Szene zwischen den beiden. In rasender Eifersucht und unter Alkoholeinfluss schlägt Cantat auf Trintignant ein und schläft danach neben ihr ein. Am nächsten Morgen kommt für das Opfer jede Hilfe zu spät. Marie Trintignant erwacht nicht mehr aus dem Koma und stirbt am 1. August. Cantat wird wegen Totschlag zu acht Jahren Haft verurteilt und wird 2007 wegen guter Führung aus der Haft entlassen. Jetzt ist es stets problematisch für einen Romancier, wirklich geschehene Dinge in eine Fiktion einzubetten. Zu bekannt sind die Details, zu gefährlich der Missbrauch der Realität gegenüber der eigenen Darstellung. Doch in diesem Fall liegen die Fakten im Dunklen – selbst der Täter kann sich an die Tat nur vage erinnern. Und Ostermaier interessiert sich für den emotionalen Hintergrund. Marie und Bertrand galten als das Liebespaar schlechthin. Und die Frage, ob die wahrste aller Lieben zum Scheitern verurteilt ist, hat Ostermaier zu diesem Roman veranlasst.
In Zephyr gibt es auch ein Paar: Gilles und Cathy. Als Gilles den Auftrag erhält, ein Drehbuch über Marie und Bertrand zu schreiben, reist er mit Cathy nach St. Tropez, in der Hoffnung durch die Beschäftigung mit der wahren aber tragisch endenden Liebe neue Liebe für sich und seine Frau zu finden:
Das erste Mal hatte er sie in einer leeren Wohnung geküsst und gedacht, er würde taub vom Lärm und der gleichzeitigen Stille in ihren Augen. (…) Danach hatte sich die Wohnung mehr und mehr gefüllt, und sie hatten begonnen, ihr Leben mit Problemen zu möblieren.
Albert Ostermaier lässt den Leser teilhaben an den Gedanken und Ideen von Gilles. Doch so verwirrt und suchend der Hauptdarsteller, so vertrackt und hin- und hergerissen ist seine Sprache. Zephyr ist mehr ein Sammelsurium an Gedankenspielen, ein fragmentarisches Erzählen einzelner Episoden, in denen die Atmosphäre oft nicht durch Worte vermittelt wird. So stehen die beiden einmal in der Küche und Ostermaier schildert die Spannung zwischen den beiden nur anhand des Vorganges, wie Gilles das Gemüse hackt.
Wer einen Roman sucht, der findet ihn hier nicht. Wer den Lyriker oder Theatermann Ostermaier mag, wird ihn hier bruchstückhaft wiederfinden: oft treibt der Autor den Inhalt durch das Formale voran. Eine grandiose Sprache ist hier zu entdecken, die sich immer wieder mal in sich selbst verfängt. Letztlich sind wir als Leser ja im Kopf von Gilles, von einem Menschen also, der zuviel sucht und zuwenig findet. Von einem, der Marie und Bertrand als schwarze Engel bezeichnet, die zu hoch aufgestiegen sind und am Ende ihre Flügel verbrennt haben. Gilles will mit Cathy ebenso hoch hinaus, will die Normalität ihrer Beziehung durchbrechen und identifiziert sich in der Folge immer mehr mit der Hauptfigur des Drehbuches.
Natürlich ist Zephyr ein Konstrukt eines Intellektuellen, der vielleicht die eine oder andere Sache zuviel in seinen Erstlingsroman verpacken wollte. Seine Liebe zum Film noir äussert sich in der drehbuchartigen Sprache, die Villa in St. Tropez, in die Gilles zum Schreiben mit Cathy einzieht, ist ausgerechnet jene, in der La Piscine gedreht wurde, jener Film von 1969 von Jacques Deray in der auch zwei Liebespaare (gespielt von Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet und Jane Birkin) der Tragik nicht ausweichen können. Und weil Marie und Bertrand oft im Pariser Restaurant Zephyr waren, das bekannt ist für Austern um Mitternacht, verweist Gilles auf die Mythologie: Zephyr, der Westwind, der aus Eifersucht Hyazinth getötet hat. Und dem Roman voran, stellt Ostermaier Bertrand Cantats Zitat aus einem Song von Noir Désir: Le vent nous portera.
Zuviel des Guten? Vielleicht. Doch letztlich konsequent. Gemeinsam mit Gilles will auch Ostermaier ganz hoch hinaus. Doch auch wenn man sich am Ende die Flügel verbrennt: man hat es versucht. Und das Scheitern, vor allem wie in diesem Falle: das grandiose Scheitern war schon seit jeher Teil der Kunst. Und gerade deshalb ist Zephyr trotz allem ein grossartiges Buch geworden.