Camus trifft Eminem oder Die Pest im Waggon
...und dann ertappt man sich dabei, die Subway innerlich zu verfluchen, bloss weil man morgens um zwei Uhr mehr als zehn Minuten auf den nächsten Zug warten musste. Zwei Uhr in der Nacht! In einer Zeit also, in der die Menschen in Paris bereits dazu verdammt sind, ausgiebig ihr Schuhwerk zu testen. Morgens um Zwei läuft in den meisten Städten dieser Welt gar nichts mehr. Doch in «the city that never sleeps» kommt auch der öffentliche Verkehr nie zur Ruhe. Subway und Bus rund um die Uhr. Einzig die Häufigkeit ihrer Erscheinung verblasst etwas nach Mitternacht. Deshalb das anfängliche Verfluchen einer Institution, zu der alle New Yorkerinnen und New Yorker eine innige Hassliebe pflegen. Eine Verfluchung auch, die sich in Dankbarkeit und Demut aufzulösen beginnt, wenn man das Rumpeln des herannahenden Zuges bereits in der Ferne zu vernehmen beginnt.
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In einer Stadt mit den Dimensionen New Yorks verbringen die Menschen zwangsläufig einen nicht zu unterschätzenden Teil ihrer Existenz in der U-Bahn. Deshalb gilt es, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Wenn auch vielerorts darüber lamentiert wird, dass Menschen immer weniger lesen: in den Zügen der Subway darf der Büchergott noch frohlocken. Die New Yorker sind manische Leser. Und Neuankömmlinge fühlen sich oft angesichts dieser versunkenen Schar von Lesern gegenüber als ein bloss dahin Vegetierender, der leichtsinnig mit seiner Zeit umgeht, die ihm auf diesem Planeten vergönnt ist.
Ja, man kann nicht lauern. Weder hier noch dort. In NYC ist die Zeit ein wertvolleres Gut als anderswo. Wer gut hinguckt, kann sogar erkennen, wie sie einem vor der Nase weggefressen wird. Zeit sei relativ, heisst es so schön. Und hier wird man regelrecht in den Beweis dieser Behauptung hineingesogen. Natürlich kann man sich auch in NYC zurücklehnen. In den eigenen vier Wänden oder in den tausend Parks. Überall dort, wo einem die Stadt mit ihren Millionen von Statisten nicht vor der Nase rumtanzt, als ob sie sagen möchte: «Noch eine Minute länger hier innehalten und der Zug fährt ohne Dich ab.»
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Deshalb wird gelesen in der Subway. Ein Angestellter, der werktags morgens und abends in diesen Waggons verbringt, kann es locker in einer Woche mit einem Stephen King aufnehmen. Krieg und Frieden? Oder gar Der Mann ohne Eigenschaften? Eine Monatsration. Allerhöchstens. Aber die wirkliche Kunst ist nicht, eine derartige Menge an Literatur zu verarbeiten. Da wo die Virtuosität wirklich beginnt, da schüttelt der Tourist nur noch den Kopf und literarische Neueinsteiger in die Subway-Welt schwenken die weisse Fahne beim Anblick der wirklichen Profis. Denn: Sitzplätze sind nicht garantiert und während der Rush Hour kann es bedenklich eng werden in den Zügen. Hindert dies die Frau dort im hinteren Teil des Waggons, auf hohen Absätzen balancierend und die beiden prallvollen Einkaufstaschen zwischen den Beinen blockierend, daran ihren Wälzer einhändig aus der Damentasche gleiten zu lassen? Mitnichten. Ich hab es auch versucht. Hab dafür speziell Thomas Pynchons Against The Day eingepackt. Tausend Seiten. Gebunden. Man will ja nicht schwächeln und mit einem handlichen Paperback beginnen. Einhändig also, vier Finger unter dem Buch, der Daumen hat die Rolle des Blockierens und des einfingrigen Weiterblätterns inne. Die andere Hand steht nicht zur Diskussion. Mit der hält man sich fest. Man will ja nicht der Dame gegenüber bei einer unerwarteten Richtungsänderung das Baguette wegknicken. Oder dem Mann auf der Bank, der mit den Augen geschlossen unter Kopfhörern ein meditatives Friedenszeichen auf seinem Gesicht trägt auf die Füsse treten. Das Resultat eines Ungeübten: Muskelkater in den Fingern am nächsten Tag. Die Hand wäre unfähig, den Pynchon einzig nur zu tragen. Ein Tennisarm ist nichts dagegen. Aber deswegen aufgeben? Nie und nimmer!
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Obwohl dann doch: für ein zwei Tage – bis die Finger wieder Einsatzfreude signalisieren – mal bloss anderen auf die Lektüre gucken, ist auch nicht schlecht. Oder beim stattlichen Geschäftsherrn alter Schule noch den «Subway Fold» bewundern. Der «Subway Fold» ist eine fast ausgestorbene Technik, um die New York Times unter den widrigen Subway-Umständen bewältigen zu können. Die Zeitung wird zuerst vertikal gefaltet. Dann horizontal. daraus ergeben sich vier lesefreundliche Flächen, deren Handling mit ein paar Fingern bewerkstelligt werden kann. Stoppt der Zug bei der nächsten Station, nutzt man den Halt um die die Hälfte der vertikal gefalteten Seite umzublättern, und schon hat man vier neue Inhalte. Bei einem Profi sieht dies aus, als ob dieser mit der Zeitung jonglieren würde. Ein Ballett für eine Hand und eine Zeitung oder «all the news that's fit to print» – wie das Motto der New York Times heisst – komprimiert auf den Level eines Rubik-Würfels.
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Den Pynchon immer noch zu Hause deponiert, erhält man vielfältige Einsichten: sowohl in den Lesestoff wie auch in die Lesegewohnheiten. Und dann ergeben sich auch urplötzlich seltene Momente der fast philosophischen Art. So geschehen neulich bei der Heimfahrt: R-Linie Richtung Brooklyn. Zwei Geschäftsherren in den Dreissigern, feinstes Tuch, die Krawatte feierabendlich leicht gelockert und mit Aktenkoffer bewaffnet, besteigen den Zug, setzen sich und widmen sich danach gleich ihren iPhones respektive dessen musikalischen Inhalten. Das Display liess sich leicht einsehen. Der eine gönnte sich für die Heimfahrt Eminem. Der andere hatte wohl einen nicht gänzlich zufrieden verlaufenden Tag, bombardierte er sich doch gleich mit den unzimperlichen Klängen der Speed-Metal-Band Suicidal Tendencies. So weit so ungewöhnlich. Doch dann zückten sie ihre Lektüre. Der Mann mit dem ultraharten Metal-Soundtrack verzog sich in die Börsenkurse des Wall Street Journals und der Liebhaber kompromissloser Reimakrobatik in Die Pest von Albert Camus. So also lässt sich das Elend der Wirtschaftskrise bebildern, dachte ich. Auf zwei mickrigen Quadratmetern therapieren sich zwei Opfer des Niedergangs mit völlig unterschiedlichen gleichsam explosiven kulturellen Cocktails.
Fazit: als passiver Leseverhaltensbeobachter lässt sich dieser Anblick nicht mehr toppen. Noch einmal kurz die Finger lockern und dann wird es Zeit, wieder gemeinsam mit Pynchon Hand in Hand die Subway zu besteigen. Gegen den Tag und gegen die Zeit…
Rudolf Amstutz
(Diese Kolumne erschien erstmals in TheTitle Nr. 25 / 22.6.2009)