«Dress Codes», International Center of Photography ICP New York
Die Oberfläche und ihre Doppelbödigkeit
Zum dritten Mal präsentiert das International Center of Photography in New York die ICP Triennial of Photography and Video. Nach den thematischen Schwerpunkten Strangers (2003) und Ecotopia (2006) beleuchtet die aktuelle Ausstellung unter dem Titel Dress Codes das Verhältnis der Mode zur Kunst und zum kulturellen und sozialen Verhalten des Menschen anhand der Werke von 34 Künstlerinnen und Künstlern aus 18 Ländern.
Von Rudolf Amstutz
(Dieser Beitrag erschien erstmals in: TheTitle Nr. 29, 21.12.2009)
Bereits der Titel der aktuellen Ausstellung im International Center of Photography in New York weckt unzählige Assoziationen: Dress Codes. Gerade in New York City, einer multikulturellen Stadt, in der Sein und Schein oft unmittelbar und unerwartet aufeinander prallen. Der indische Taxifahrer mit Turban, der das Model mit kurzem Rock und hochhackigen Schuhen transportiert. Die verschleierte muslimische Frau neben einer in Pelz gehüllten Russin oder der längst zur Uniform gewordene Szenelook der Bewohner des Brooklyner Quartiers Williamsburg: die Haare mühsam so modelliert, dass sie aussehen, als wäre man vor einer Minute erst aus dem Bett gestiegen, der pseudo-intellektuelle Touch der schwarzen Hornbrille und der Vollbart als folkloristisch anmutendes Gadget des urbanen Trendsetters.
Am Times Square und anderswo die meterhohen Werbebanner mit makellosen Menschen, die der Allgemeinheit ein Idealbild vorgaukeln, in fensterlosen Büros ganz normale Angestellte, die Anzug und Krawatte tragen, die Uniformen der Schülerinnen und Schüler der Privatschulen Manhattans, die Turnschuhe in der Nike Town, die auf Sockeln und unter Glas einen banalen Gebrauchsgegenstand zur Ikone hochstilisieren und all die ultrateuren Restaurants mit dem Hinweis auf deren Dress Code, ohne dessen Befolgung ein Gast nicht in die so begehrten Hallen der sozialen Oberschicht zugelassen wird.
New York ist also ein Paradies, wenn es um Dress Codes geht. Leute verbergen sich hinter Uniformen oder uniformierten Modetrends. Oder aber sie betonen ihre Individualität durch aparte Kleidung, schrille Outfits, schräge Frisuren oder durch auffälliges Benehmen. Und mittendrin in dieser an sich schon spannenden Ausstellung des menschlichen Verhaltens und der sozialen Codes findet sich das International Center of Photography, das dieses Jahr als Year of Fashion deklarierte und mit zahlreichen Ausstellungen rund um das Thema Mode und deren Rolle in Kunst und Gesellschaft von sich reden machte. So wurden Retrospektiven der Werke Edward Steichens und Richard Avedons ebenso gezeigt wie mit Weird Beauty und This is not a Fashion Photograph das Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.
Und nun widmet sich auch die dritte Ausgabe der ICP Triennial of Photography and Video dem selben Thema. Nur wurde der Blickwinkel dafür noch einmal geändert. Die Werke der insgesamt 34 Künstlerinnen und Künstler (fast drei Viertel darunter sind Frauen) aus 18 Ländern repräsentieren nicht die Modewelt, sondern reflektieren das Thema aus der künstlerischen und sozialen Warte. Nicht alle gehen so offensichtlich und wenig überraschend mit dem Thema um wie die Holländerin Jacqueline Hassink (*1969), die in ihrem Video BMW Car Girls (2004) Models zeigt, die vom bayerischen Autohersteller für eine Ausstellung gebucht werden, um dann in knappen Kleidern ein laszives Verhältnis zu den Modellen jener Marke vorzuführen, die sich in den USA als the ultimate driving machine propagiert.
Ganz anders Yto Barrada (Paris, *1971): in ihrer neunteiligen Fotoserie The Belt, Step 1 to 9 (2006) zeigt sie eine marokkanische Frau, die im ersten Bild noch unförmig und in ihrem traditionellen Gewand wenig vorteilhaft erscheint. In der Folge aber entfernt die Protagonistin Schicht um Schicht und offenbart damit den wahren Hintergrund ihres Aussehens: sie schmuggelt Kleider, um westlichen Modehungrigen ein apartes Aussehen zu ermöglichen und «verunstaltet» sich dabei, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
In vielen Werken der Ausstellung wird eine ähnliche Art der sozialen Betrachtungsweise angestellt. So zeigt Kimsoojy (Korea, *1957) in einer vierfachen Projektion Videos aus dem indischen Mumbai. Mumbai: A Laundry Field (2007-2008) zeigt jene Menschen, die in den Fabriken unter gefährlichen Bedingungen arbeiten, um teure und wertvolle Stoffe anzufertigen. Der Glanz der Textilien kontrastiert hier mit dem sozialen Zustand der Arbeiter.
Und Anne Morgenstern (Leipzig, *1976) hat junge, modebewusste Palästinenser in einem Flüchtlingslager nahe Damaskus fotografiert. Der Ausdruck von jugendlicher Dynamik und Eleganz irritiert angesichts der Realität des verwahrlosten Viertels.
Es sind eben diese Irritationen, die den Reiz vieler Werke von Dress Codes ausmachen. Diese kleinen Verschiebungen innerhalb von Bildern, die uns scheinbar Gewohntes vermitteln wollen.
Cindy Sherman (New Jersey, *1951) zeigt Gruppenfotos von Frauen, scheinbar an einer Party spontan aufgenommen. Doch die Frauen tragen nicht nur die selben Kleider, sondern sind ein und die selbe Person (wie bei Sherman üblich, die Künstlerin selbst). Damit begegnet sie dem Diktat der Modeindustrie, die Individualität und persönlichen Stil zelebriert, mit einer schonungslosen Ironie: der Drang zur eigenen Darstellung wird zur Massenveranstaltung und verfällt so wieder der Gleichförmigkeit.
Auch Valérie Belin (Frankreich, *1964) kritisiert die uns von der Modeindustrie aufgezwungene Ästhetik. In ihrer unbetitelten Serie von grossformatigen Fotos zeigt sie Porträts von männlichen und weiblichen Models, die dem heutigen Schönheitsideal entsprechen. Die Makellosigkeit der Gesichter entbehrt jeder Persönlichkeit: die Menschen gleichen sich der Ausdruckslosigkeit von Schaufensterpuppen an.
Thorsten Brinkmann (Deutschland, *1971) treibt ein doppelbödiges Spiel mit dem Drang zur individuellen Darstellung des Menschen durch seine Kleidung und dem gleichzeitigen Wunsch, die eigene Persönlichkeit hinter der Kostümierung zu verbergen. Brinkmann fotografiert sich selbst in aussergewöhnlichen Kostümen, die er aus Second-Hand Stoffen, auf Flohmärkten gefundenen Objekten oder Haushaltsgegenständen eigenhändig anfertigt. Doch auf seinen Bildern wie etwa Drune Quoll (2007) verbirgt sich der Kopf ebenfalls unter Kleidungsstücken. Die Entschlüsselung des Dress Codes wird zur Knacknuss: mit dem Fehlen des Gesichtes fehlt uns ein nötiger Koordinationspunkt.
Nachdem das International Center of Photography das ganze Jahr über mit einer Reihe von Ausstellungen überzeugte, die die Modewelt ebenso eindrücklich schilderte (Richard Avedon, Edward Steichen) wie sie in Frage zu stellen (This is not a Fashion Photograph), stellt nun Dress Codes in gewisser Weise die Synthese der beiden Welten dar. Es ist den Kuratoren des Hauses zu verdanken, dass hier nun zahlreiche und vielfach auch junge Künstlerinnen und Künstler, die sich nicht in erster Linie mit Mode als zentralem Thema befassen, zu Wort kommen. In Dress Codes vermischt sich die Welt der Mode mit sozialen und kulturellen Fragestellungen. Kommerz, Kunst und Realität hinterfragen sich in den gezeigten Werken in immer neuen Konstellationen. Damit schafft es Dress Codes auch, dass die Besucher – unmittelbar nach dem Verlassen der Ausstellung – in den Strassen New Yorks vieles plötzlich anders betrachten, Ungesehenes entdecken und Etabliertes neu hinterfragen.
#-#IMG2#-##-#SMALL#-#Dress Codes, International Center of Photography New York
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Dress Codes, ICP Publishing, 240 Seiten, Softcover
$ 28,00
Webseite »#-#SMALL#-#