wiedergesehen: Jean-Pierre Melville: «Le Cercle rouge» (1970)
Abstrakt und von buddhistischer Ruhe

Sicherlich einer der wortkargsten Krimis der Welt, mit 140 Minuten für seine Zeit 1970 dennoch selten ausdauernd, und so formalistisch, wie Village-Voice-Kritiker J.Hoberman einmal schrieb, dass es an Abstraktion grenzt, von einer nachgerade buddhistischen Ruhe. Die fernöstliche Referenz stammt nicht von uns (und nicht von Hoberman), sondern natürlich von Melville selbst, der seinen Filmen gern und vermutlich gefälschte buddhistische Sinnsprüche voranstellt und seinen vielleicht berühmtesten Film 1967 nicht umsonst «Le Samouraï» genannt hat. Ein Aspekt, den natürlich auch Jim Jarmusch etwa in seiner schönen Melville-Variation «Ghost Dog» mit Gewinn ausspielt. Auch Jarmuschs letzter Film «The Limits of Control» spielt ja deutlich mit dem Melville-Verweis – und der Hommage an den amerikanischen Film Noir, dem wiederum auch Melville, darin bekanntlich Vorbild für die französische Nouvelle Vague, in seinen Filmen huldigt.
Die Grenzen der Kontrolle, das wäre eigentlich auch kein schlechter Titel für «Le Cercle rouge», der mit einer unglaublichen stilistischen Selbstbeherrschung gedreht ist, bei der es egal scheint, ob gerade ein paar Leute erschossen werden oder man nur eine nächtliche Strasse entlanggeht. Das kulminiert natürlich im Rififi-artigen Ausräumen des High-End- Juweliers, der in Echtzeit mit unendlicher Gelassenheit und höchster Spannung gezeigt wird. Natürlich wird kein Wort geredet und die Gangster tragen Masken – was natürlich insbesondere im Fall Alain Delons kaum auffällt, der als entlassener (und wegen einer sehr nüchternen «Ich-hole-mir-nur-was-mir-zusteht»-Aktion bald vom Mob verfolgter) Ex-Sträfling sogar noch weniger Worte und Regungen zeigen darf als im versteinerten Gesicht des «Samouraï», immerhin der Rolle seines Lebens.
Die Geschichte ist schnell und in aller Symmetrie erzählt: Delon hilft dem entflohenen Häftling Gian Maria Volonté, der sich wiederum revanchiert, indem er wortlos mit dem ihm völlig unbekannten Delon einige von dessen Verfolgern erschiesst, und gemeinsam verpflichten sie den Ex-Cop, Meisterschützen und Trinker Yves Montand für einen Raub. Delon wird von Killern verfolgt, Volonté vom düpierten Kommissar und Montand von interessanten Echsen, die ihm im Delirium erscheinen. André Bourvils hakennasiger Kommissar ist dabei der (von den gewohnt plumpen Synchronsprechern im deutschen Titel «Vier im roten Kreis» angespielte) vierte Mann, der einerseits von seinen Vorgesetzten verfolgt wird, aber eigentlich nur seine persönliche Rache sucht.
Das Ende kommt mit der Wucht und Konsequenz einer griechischen Tragödie – oder eben eines Samurai-Films. Alle Mächte scheinen sich schicksalshaft gegen das Gangster-Trio zu verbünden, das hier natürlich gleichwohl Heldenstatus hat.
Es versteht sich schon aus erzählökonomischen Gründen, dass keiner der vier ein irgendwie persönliches, privates Leben hat. Es gibt ein paar kurze Frauenansichten und sogar eine Exfreundin Delons (die ihn freilich für seinen ehrlosen Boss verlassen hat), aber zumindest gefühlsmässig scheint es, als gebe es nicht nur im engeren Figurenumfeld keine Frauen, sondern – als letzte formalistische Konsequenz – überhaupt nirgends.
Während der Film sich mit entschlossener Ruhe entwickelt, erkennt man immer mehr, dass die vier Helden weit jenseits von persönlicher Trauer in einem Universum grundsätzlicher Melancholie existieren und ähnlich wie der Film selbst vor allem durch ihre Ehrencodes und Rituale leben. Am Ende bringt es Montand auf den Punkt, als er auf seinen Anteil verzichtet und sogar mit den beiden anderen untergeht, weil sie ihm durch die Arbeitsherausforderung geholfen haben, seine Ehre wieder herzustellen und dem Alkohol zu entkommen.
«Le Cercle rouge» war übrigens in Frankreich angeblich Melvilles erfolgreichster Film, was für ein beneidenswert filmerzogenes Publikum spricht. Denn es ist gewiss nicht der karge Plot, der die Schönheit dieses Films ausmacht, der Melvilles zwölfter und vorletzter war. 1972, im Jahr vor seinem Tod, folgte noch «Le flic», dort mit Delon als melancholischem Cop. Doch zumindest was die Selbstsicherheit, die Cool-Jazz-artige Eleganz der Erzählung und Atmosphäre angeht, könnte man die Filmkarriere Melvilles hier vollendet finden.
Markus Schneider
#-#IMG2#-#«#-#SMALL#-#Le Cercle rouge» (Frankreich 1970). Regie und Drehbuch: Jean-Pierre Melville. Kamera: Henri Decaë. Mit: Alain Delon (Corey), Yves Montand (Jansen), Gian-Maria Volonté (Vogel), André Bourvil (Mattei)
«Le Cercle rouge» – Filmtrailer (YouTube) »
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