13. Mai 2012
DOSSIER: AMERIKA QUO VADIS? – Buchempfehlungen zum Wahljahr 2012

Amerika er-lesen

Die USA werden trotz aller Kritik auch heute noch ihrer Verfassung wegen weltweit bewundert und haben weiterhin als Ur-Form der modernen Demokratie Modellcharakter für unsere westliche Gesellschaftsform. Amerika ist im Guten wie im Schlechten ein schillerndes und spannendes Land. Zum Wahljahr sechs Buchempfehlungen, um sich Amerika politisch und gesellschaftlich zu er-lesen.

von Rudolf Amstutz

Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter und dritter Präsident der USA (1801 – 1809) gilt als der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, die sich noch heute als Ideal für Menschenrechte liest. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass wenn ein Präsident dem Volk Schaden zufügt, dass diese Erklärung wie auch die Verfassung mit ihren klaren Prinzipien von Freiheit und Redefreiheit stets als Argument für Kritik an einer Regierung dient. In der Tat wäre alles in Ordnung, würden sich alle an die Urkunden jener Zeit halten. Allerdings interpretieren die jeweiligen Protagonisten in der heute zunehmend polarisierten Atmosphäre die weisen Worte von einst sehr unterschiedlich. Dieses Unverständnis und jegliche Ablehnung von Kompromissen scheint aus heutiger Sicht einzigartig. Doch in den USA gab es diese Kluft zwischen wertkonservativen Vorstellungen und weltoffenem Pioniergeist schon immer. Hervorragend belegt dies der Autor Ronald D. Gerstes in seinem Buch «Duell ums Weisse Haus», das vor vier Jahren zur Wahl erschien und in dem er sämtliche Präsidentschaftswahlen von George Washington bis 2008 einer gründlichen Untersuchung unterzieht. Die Chronologie dieser politischen Auseinandersetzungen zeigt, wie oft die amerikanische Gesellschaft bereits am Rande einer Katastrophe stand. In einzelnen Kapiteln richtet Gerste sein Augenmerk auf bestimmte Präsidenten, deren Amtszeit und deren Wahlkampf. Die Rolle des US-Präsidenten wurde aus dem Charakter ihres ersten Oberhauptes abgeleitet: George Washington, der ehemalige Feldherr, bescheiden im Auftreten und sich stets als überparteilicher Diener des Volkes sehend, ist der Mann, an dem man in der Folge und bis heute die Präsidenten misst. Bereits sein Vize John Adams scheiterte an Charisma und Charme, doch war er als Pragmatiker zur rechten Zeit am rechten Ort, bevor der Staatstheoretiker, Freiheitsdenker und Lebemann Thomas Jefferson das Amt übernahm. Jeffersons Verdienst an Amerika war seine Urheberschaft der «Declaration Of Independence», die 1776 vom französischen König Louis XVI applaudiert wurde. Doch es waren eben diese Worte Jeffersons, die später auch massgeblich daran beteiligt waren, die Französische Revolution zu entfachen.

 

«Rutherfraud»

 

In «Duell ums Weisse Haus» lässt sich die Geschichte der USA anhand solcher Geschichten nachlesen. Und über die Prüfungen, die das Wahlvolk immer wieder bestehen musste. Interessanterweise hat sich dieses Land immer selbst korrigiert. Die Abschaffung der Sklaverei unter Präsident Abraham Lincoln hat zum Bürgerkrieg und zu 600'000 Toten geführt. Die USA zahlen oft einen hohen Preis, sind aber daran noch nie zugrunde gegangen. Lincoln war übrigens der erste Republikaner im Weissen Haus, Jefferson gilt als der Gründer der Demokraten. Man erfährt auch, dass die Vorfälle in Florida im Jahr 2000, als von einer gestohlenen Wahl gesprochen wurde, nicht einmalig sind. Als die USA 1876 ihren hundertsten Geburtstag feierten, «stahl» Rutherford B. Hayes die Wahl in einem überraschenden Coup, was ihm die Übernamen «His Fraudulency» und «Rutherfraud» einbrachte. Der aktuelle Präsident Barack Obama – auch dies ein interessanter Fakt – wurde als der 44. vereidigt, obwohl es sich eigentlich um den 43. handelt. Grover Cleveland ist dies zu verdanken, der nach seiner Niederlage 1888 gegen Benjamin Harrison ein zweites Mal antrat und gewann. Cleveland ist dementsprechend sowohl der 22. wie der 24. Präsident der USA gewesen.

 

Auch Laszlo Trankovits nimmt eine Wahl unter die Lupe. In «Die Obama-Methode – Erfolgsstrategien für die moderne Mediengesellschaft. Was Wirtschaft und Politik von Barack Obama lernen können» untersucht er die einzigartige Kampagne, die Barack Obama ins Weisse Haus führte. Mit völlig neuen Mitteln und unter Einbezug neuster Technologie, ist die Obama-Kampagne zur Blaupause einer erfolgreichen Strategie geworden, die – vier Jahre später – bereits zahlreich Anwendungen findet, sei dies im Web 2.0 oder auf «Crowdfunding»-Plattformen. Trankovits hat nicht ein Lesebuch geschrieben. Vielmehr wird hier jeder Aspekt erläutert, seziert und anschliessend zu praktischen Anleitungen umformuliert. Ein beeindruckendes Arbeitsbuch über eine Methode, die nun im Wahljahr 2012 mit Obama 2.0 ihre spannende Fortsetzung finden wird.

 

Das grosse Ganze

 

So spannend es auch ist, sich mit Geschichte und Strategien zu beschäftigen: die besten Geschichten schreiben bekanntlich die Menschen selbst. Als föderalistisches Staatengebilde hat Amerika tausend verschiedene Gesichter. Und das haben die Herausgeber Matt Weiland und Sean Wilsey zum Programm für ihr ausserordentliches Buch «State by State – A Panoramic Portrait Of America» gemacht. Das Buch ist ein «road trip» in Buchform, angelehnt an jene Zeit der dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts, als ein von Washington finanziertes Projekt, Schriftsteller auf die Reise schickte, um Reportagen über das Land zu sammeln. Weiland wie Wilsey sind Redakteure renommierter Literaturpublikationen. Weiland arbeitet für «The Paris Review» und Wilsey für «McSweeney’s Quarterly».

Mit ihren Kontakten gelang es ihnen, 51 Autorinnen und Autoren zu begeistern, die sich jeweils einem der Staaten (inkl. Washington DC) annahmen. So ist ein Buch entstanden, das sich den Befindlichkeiten aller Menschen in allen Zeitzonen annimmt, ihre Eigenarten studiert, Persönliches erzählt, Witziges, Nachdenkliches und Spannendes. Einige der Autoren sind Journalisten, andere Romanciers. Die einen wählten die Reportage als Darstellungsform, andere einen eher literarischen Ansatz. Darunter finden sich auch solche, die im deutschen Sprachraum nicht unbekannt sind. So schreibt Jonathan Franzen über «New York», Anthony Bourdain über «New Jersey», Rick Moody über «Connecticut». Joe Sacco wählte für sein Porträt von «Oregon» den Comicstrip, ebenso Alison Bechdel im Falle von «Vermont». Ergänzt werden die Beiträge durch «Facts and Figures» zu den Staaten und einem Mittelteil mit zahlreichen Abbildungen. Am Ende steht «State by State» wie auch die USA selbst, für das Resultat diverser Perspektiven, die trotz unglaublicher Unterschiede sich als ein grosses Ganzes verstehen.

Wie dieses grosse Ganze in all seinen schillernden Farben überhaupt zusammengehalten werden kann, ist vielen Europäern, deren Gemüter sich oft bereits in regionalen Diskussionen erhitzen, ein Rätsel. Würden die Amerikaner ihre Unabhängigkeitserklärung und ihre Verfassung nicht als den heiligen Gral betrachten und hätten sie nicht eine gemeinsame Flagge, die eben für dieses Heiligtum steht, das Land wäre wohl längst auseinandergebrochen. Die Dualität der Kulturen, unter denen das Gebälk des Landes vor allem in den Wahljahren stets knirscht, ist gewaltig. Die Kluft zwischen dem unaufhaltsamen Fortschrittsglauben auf allen Ebenen und der Aufrechterhaltung von Tradition und Moral macht sich sowohl zwischen Stadt und Land wie zwischen Küstenstaaten und Zentralstaaten und zwischen Nord und Süd bemerkbar. In den letzten Jahren hat sich zusätzlich noch der Graben zwischen den Generationen vergrössert. 

 

Let's debate!

#-#IMG2#-#Die USA ist, damit ihre Existenz gewährleistet bleibt, zu einer Art permanentem Streitgespräch verdammt. Diese Streitkultur hat in den letzten Jahren gewaltig gelitten. Angefangen hat dies mit der ideologischen Doktrin der Bush-Administration, die dann am rechten Rand durch die Tea Party-Bewegung weitergeführt wurde. Um diese Debattenkultur zwecks Selbstfindung und Selbstdefinition wieder neu zu entfachen, hat der Journalist Howard Fineman ein bemerkenswertes Manifest verfasst: «The Thirteen American Arguments: Enduring Debates That Inspire and Define Our Country». Fineman listet die dreizehn nötigen Argumente auf, anhand derer sich die USA definieren lassen. Dies ist nicht etwa eine neue von ihm initiierte Idee, sondern seit der Gründung Amerikas der Fall. Fineman hat sie in dreizehn Kapitel unterteilt. Es sind grundlegende Fragen wie «Wer ist ein Mensch?», aus der sich folgern lässt: «Wer ist Amerikaner?». Es geht um die Macht des Präsidenten, die Rolle der Religion und die Rolle der USA in der Welt. Fineman argumentiert dabei nur passiv mit. Er setzt hinter jedes der Argumente ein in der Gegenwart verankertes und in die Zukunft blickendes Positionspapier, in dem sowohl die Klimakatastrophe wie der Terrorismus berücksichtig werden, aber auch gesellschaftliche und kulturelle Themen. Fineman tut dies mit praktischen Beispielen, mit seinen journalistischen Erfahrungen aus dem ganzen Land. Hinter seinen Argumenten steht keine Theorie, sondern der Mensch. Das macht dieses Buch lesenswert und als Plädoyer für eine konstruktive Streitkultur nicht nur für Amerikaner wertvoll.

 

Mit europäischen Augen

 

Wem dieses Land, das eigentlich ein Kontinent ist, trotz diesen anregenden theoretischen Debatten und den vielfältigen Eigenporträts von «State by State» immer noch zu fremd erscheint, sollte sich unbedingt auf zwei herausragende Bücher einlassen: Zora del Buonos «100 Tage Amerika» und Wolfgang Büschers «Hartland». Beides Reisereportagen wie sie allerdings unterschiedlicher nicht sein könnten. Del Buono reiste mit dem Mietwagen von Neufundland der Ostküste entlang bis zum südlichsten Punkt Floridas: Key West. Büscher dagegen, der einst bereits zu Fuss die Strecke Berlin-Moskau absolvierte, lässt sich auf ein völlig anderes Abenteuer ein, und erwandert die USA, indem er mitten durchs Herz geht, von North Dakota bis zum Rio Grande. Beide Autoren beginnen ihre Reise noch auf kanadischem Boden, als wäre dort die letzte Möglichkeit noch einen Hauch europäische Luft zu atmen, bevor man die Grenze übertritt in dieses so oft gelobte, aber auch ebenso häufig verfluchte Land. Während del Buonos Reportage mit viel journalistischer Neugier bewusst auf die Menschen zugeht, um die Wünsche, Sorgen und Träume zu erfahren und auch sonst auf ihrer Reise vieles aus der Sicht des Reporters schildert, bewegt sich Büscher auf grandiosem literarischen Terrain. Wie er die Einsamkeit, die Ambivalenz, die ihn gegenüber diesem Land befällt, und die Begegnungen mit den Menschen schildert, ist neben Reportage über weite Strecken auch Selbstfindung. Wo del Buono durch Zivilisation reist, findet sich Büscher in (fast) menschenleerer Natur wieder. Dass beide Autoren stets auch den europäischen Blick aufs Ganze immer wieder herausstreichen, macht diese Bücher so wertvoll für all jene, die die USA trotz Vorbehalten er-lesen möchten. Und, wer weiss, vielleicht findet selbst der hartnäckigste Eurozentriker etwas, das er von den Menschen jenseits des Atlantiks lernen kann, und sei dies nur dieser auf uns Nicht-Amerikaner immer wieder faszinierend wirkende ungebrochene Optimismus.

 

#-#SMALL#-#Ronald D. Gerste, Duell ums Weisse Haus – Amerikanische Präsidentschaftswahlen von George Washington bis 2008. Verlag NZZ. 240 Seiten. Broschur. CHF 20 (CH-Sonderpreis solange Vorrat) / € 19,90

 

Howard Fineman, The Thirteen American Arguments: Enduring Debates That Inspire and Define Our Country. Random House. 256 Seiten. Gebunden.

 

Matt Weiland, Sean Wilsey (Hrsg.), State by State: A Panoramic Portrait Of America. Harper Collins. 572 Seiten. Gebunden. $ 29,95

 

Zora del Buono, Hundert Tage Amerika – Begegnungen zwischen Neufundland und Key West. Mare Verlag. 254 Seiten. Gebunden. CHF 28,90 / € 19,90

 

Wolfang Büscher. Hartland – Zu Fuß durch Amerika. Rowohlt Verlag. 288 Seiten. Gebunden. CHF 30,50 / € 19,95

 

Laszlo Trankovits, Die Obama-Methode – Erfolgsstrategien für die moderne Mediengesellschaft. Was Wirtschaft und Politik von Barack Obama lernen können. NZZ Libro. 224 Seiten. Gebunden. CHF 19 (CH-Sonderpreis solange Vorrat) / € 24,90

 

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