26. Oktober 2014
«Dark Star – HR Gigers Welt» – Interview mit Belinda Sallin

«In der Düsternis verbirgt sich auch viel Licht und Humor»

Mit «Dark Star – HR Gigers Welt» ist Belinda Sallin ein berührendes Porträt des im Mai dieses Jahres verstorbenen Hansruedi Giger gelungen. Ein Interview mit der Regisseurin über diesen grossen, oft unverstandenen Künstler und über das einzigartige Universum, das er Zeit seines Lebens schuf.

Interview: Rudolf Amstutz
War mit sich im Reinen: Hansruedi «HR» Giger, der am 12. Mai 2014 verstarb und dem es nicht mehr vergönnt war, den fertigen Film sehen zu können. Foto: © Lucky Film

Frau Sallin, Sie bekundeten Mühe diesen Film zu finanzieren. Das erstaunt, da doch HR Giger als Künstler internationalen Ruf geniesst.

Belinda Sallin: Das dachte ich auch. Da wir nicht bei allen üblichen Förderstellen Gehör fanden, mussten wir bei der Finanzierung den einen oder anderen Rückschlag einstecken. Da muss man dann einfach Sitzleder beweisen. Vielleicht ist das Ganze auch bezeichnend für Hansruedi Giger. Er polarisiert bis heute. Da gab es Menschen, die waren sofort dabei, weil sie dachten: «Ein Film über Giger ist längstens fällig.» Und andere rümpften die Nase.

Ist das eine typisch schweizerische Eigenschaft? Herrscht hier eine Art kunsthistorischer Dünkel, der vielleicht anderswo nicht in der selben Art zum Ausdruck kommt?

Kann sein. Obwohl ich denke, dass auch in anderen Ländern der Prophet im eigenen Land nichts zählt. Kommt hinzu, dass Giger enorme Popularität geniesst, was im Establishment instinktiv Abwehrreaktionen auslöst. Gerade Subkulturen wie die Metal- oder Gothic Szene verehren Giger aufs Höchste, und dies ist gewissen Leuten halt suspekt.

Im Film sieht man, wie Giger seinen Fans Autogramme gibt und einer von ihnen entgegnet ihm «Thank you, Master.» Das hat schon fast religiöse Züge.

Ja. Ich habe das während den Arbeiten zum Film immer wieder erlebt, wie er von gewissen Leuten idealisiert wird. Giger selber hatte dazu stets ein ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite stand er nie gerne in der Öffentlichkeit, weil er doch ein schüchterner Mensch war. Auf der anderen Seite hat ihn diese Zuneigung auch gefreut. Letztlich waren es die Fans, die seine Bücher gekauft und seine Ausstellungen besucht haben. Da war auch eine grosse Dankbarkeit gegenüber diesen Menschen zu spüren. Giger war ein herzensguter Mensch, das muss man auch mal sagen.

Und dies bringen ja viele Leute nicht zusammen. Angesichts seiner Werke gehen viele davon aus, dass sich hinter dieser Kunst ein dunkler, böser Geist und nicht ein sanftmütiges Wesen verbergen muss. War Ihnen vor der ersten Begegnung mit ihm, dieser Kontrast bewusst?

Nein. Ich hatte natürlich auch meine eigenen Bilder im Kopf, wie dieser HR Giger wohl sein muss angesichts seiner Kunst. Ich stellte mir eine düstere, distanzierte und unnahbare Person vor. Und bei der ersten Begegnung erlebte ich das genaue Gegenteil. Wir lachten sofort zusammen, er war nicht nur sehr warmherzig, sondern auch ungemein humorvoll. Ich begann in der Folge denn auch seine Kunst in einem anderen Licht zu betrachten. In dieser Düsternis verbirgt sich auch viel Licht und Humor.

Vielleicht war Giger so ein liebenswürdiger Mensch, gerade weil er seine dunkle Seite in seiner Kunst verarbeitet hat.

Unbedingt. Er hat mit seinen Bildern seine tiefsten Ängste verarbeiten können.

Was war eigentlich die Initialzündung, um einen Film über HR Giger zu machen?

Ich lernte zufällig Sandra Beretta, seine ehemalige Lebensgefährtin kennen. In der Folge sprachen wir oft über ihn und da kam bereits die Idee auf. Doch ausschlaggebend war der erste Besuch in seinen Häusern in Oerlikon. Es war so faszinierend zu sehen, wie er diese Häuser vollständig nach Gigerscher Art gestaltet hatte und dann kam das erwähnte erste Aufeinandertreffen – da wusste ich, dass ich diesen Film unbedingt machen wollte.

Nun ist es von der Idee bis zur Realisierung ein weiter Weg. Die Finanzierung ist das eine, doch der Film braucht auch eine Struktur.

Dahinter steckt enorm viel Denkarbeit. Vor, während und nach dem Dreh. Erst im Schneideraum entsteht ja letztlich die endgültige Dramaturgie eines Filmes. Und wir hatten eine Unmenge an Archivmaterial zur Verfügung, was grundsätzlich natürlich toll war, aber es machte die richtige Auswahl nicht leichter. Um einen Film in die richtige Form zu bringen, folge ich sehr oft meinen Instinkten, meinen Gefühlen. Was lösen gewisse Bilder in mir persönlich aus? Was geschieht mit mir, wenn ich die Gigerschen Häuser betrete. Ich versuche also, meine Gefühle und mein Gespür zu visualisieren.

Es kommen im Film ehemalige Wegbegleiter zu Wort. Auch ehemalige Freundinnen, mit denen er immer noch engen Kontakt pflegt. Es scheint, dass Giger Zeit seines Lebens immer alle mitgenommen hat.

Er kannte natürlich Hunderte von Menschen und davon sind im Laufe der Zeit schon einige aus seinem Leben verschwunden. Aber natürlich stellte ich mir die konzeptionelle Frage: «Wer kommt neben ihm in diesem Film vor?» Und für mich war es wichtig, dass nur Leute zu sehen und zu hören sind, die in jenem Moment, in dem der Film entsteht, mit ihm eine Beziehung hatten. Sonst wäre der Film wohl distanzierter geworden.

Waren Sie sich bewusst, dass Sie wohl die Letzte sein würden, die mit ihm ein solches Projekt realisieren kann? Er war doch sichtlich gesundheitlich angeschlagen.

Ihm war es bewusster als mir. Als ich ihm das Projekt vorgeschlagen habe, brauchte es absolut keine Überredungskunst, er war sofort einverstanden. Er sagte mir auch, dass dies das letzte Mal sei, dass er so etwas machen würde. Danach wolle er sich zurückziehen. Ich glaube schon, dass es ihm klar war, dass er nicht mehr sehr lange auf dieser Welt weilen würde.

#-#IMG2#-#Wenn man bedenkt, dass er gerade in der Schweiz oft nicht verstanden wurde und dass sein grosser Wunsch, einmal im Kunsthaus Zürich eine grosse Ausstellung zu haben, nie Realität wurde, verblüfft seine Aussage im Film, dass er alles, was er je machen wollte, gemacht habe und alles, was er je sehen wollte, gesehen habe.

Das stimmt. Er zeigte sich ungemein versöhnlich. Er sagte auch einmal zu mir: «Die stellen mich hier nicht aus», aber es war bloss eine Feststellung. Er hatte sich damit abgefunden – im Gegensatz zu seinem Umfeld, das wesentlich mehr Mühe bekundet, dem Establishment dessen Verweigerung zu verzeihen. Aber bei ihm war keine Verbitterung zu spüren, weil er die Gewissheit hatte, dass er in all den Jahren auf der ganzen Welt sehr viele Menschen mit seiner Kunst erreichen konnte. Man muss vielleicht noch präzisieren: Er hatte vor 1977 eine kleine Ausstellung im Kunsthaus Zürich, allerdings nur im Foyer. Das war, bevor er den Oscar für «Alien» gewann.

Und damit war er für das Kunstestablishment sowieso nicht mehr tragbar.

Genau, ab diesem Zeitpunkt war seine Kunst Populärkultur. Obwohl «Alien» auch dank ihm Filmgeschichte wurde, weil er gewissermassen ein neues Genre schuf.

Während das Establishment ihn deswegen verurteilte, nahm in Hollywood mit offenen Armen auf, um ihn dann nur wenig später zu hintergehen, indem man «Alien» ohne dessen Schöpfer weiter kommerziell nutzte.

Immerhin hatte er mit «Alien»-Regisseur Ridley Scott immer einen treuen Freund, der seine Interessen vertrat. Giger arbeitete auch noch an den Plänen zum Film «Prometheus», bis es gesundheitlich nicht mehr ging. Ridley Scott hat aber dann Gigers Vermächtnis unübersehbar in den Credits hervorgehoben.

Das Haus spielt im Film ja eine grosse Rolle, gerade auch, weil Giger sein Heim nur noch selten verliess. Wie war es für Sie in diese Wohnung zurückzukehren, nachdem er plötzlich nicht mehr da war?

Er ist immer noch unglaublich präsent. Das Ganze wirkt ja auch wie ein ständig wachsender und sich wandelnder Organismus. Zu Beginn hatte er ja nur ein Haus und in der Folge kamen zwei weitere hinzu. Zudem wirkt der abgeschirmte Garten in seiner Art wie ein Aussenraum.

Das erinnert an seine biomechanischen Gebilde in seinen Werken.

Genau. Sein Lebensraum war und ist irgendwie auch ein sehr grosses, begehbares Gigersches Kunstwerk.

Sie haben vor «Dark Star» vor allem Dokumentarfilme fürs Fernsehen realisiert. Wo liegt der Unterschied zwischen TV und Kino?.

Beim Fernsehen ist der Informationsgehalt dichter, beim Kino kann man für eine gewisse Zeit auch mal eine Frage unbeantwortet lassen, weil das Kinopublikum geduldiger ist. Man hat sich ja bewusst für den Film entschieden, beim Fernsehen droht eher die Gefahr des Zappens. Und beim Kino kann man sich auf die Atmosphäre, die Grundstimmung und das zu übermittelnde Gefühl konzentrieren. Beide Formate haben sehr viel gemeinsam und beide haben ihre Vorteile. Aber bei «Dark Star» war es wichtig, dass ich einen grösseren dramatischen Bogen spannen konnte, damit das Publikum Zeit hat, in das Universum von HR Giger einzutauchen.

Das Interview mit Belinda Sallin fand im Rahmen des 10. Zurich Film Festivals statt, an dem der Film seine Welturaufführung feierte.

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 #-#SMALL#-#Dark Star – HR Gigers Welt. Schweiz 2014. Drehbuch und Regie: Belinda Sallin. Kamera: Eric Stitzel. Musik: Peter Scherer.

Mit: Hansruedi «HR» Giger, Carmen Maria Giger, Stanislav Grof, Hans H. Kunz, Leslie Barany, Paul Tobler, Tom Gabriel Fischer, Carmen Scheifele de Vega, Mia Bonzanigo, Andreas J. Hirsch, Marco Witzig, Sandra Beretta, Müggi III.

Webseite » 

«Dark Star» – Trailer »

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