10. Oktober 2015
«The Program» von Stephen Frears – Interview mit Ben Foster

«Ohne Empathie ist es nicht möglich, einen Charakter zu verkörpern.»

«The Program» von Stephen Frears behandelt den Skandal rund um Lance Armstrong und seinen siebenfachen Triumph an der Tour de France. Ben Foster brilliert darin in der Titelrolle. Im Interview erläutert der 35jährige Amerikaner, wie es ihm gelungen ist, sich in Lance Armstrong zu verwandeln.

Interview: Rudolf Amstutz
Partners in Crime: US Postal Teamleiter Johan Bryneel (Denis Ménochet) und Lance Armstrong (Ben Foster). Bild: © Impuls Pictures

Ben Foster, mal abgesehen davon, dass bereits die Anforderung Lance Armstrong als Charakter zu verkörpern sehr hoch ist, mussten Sie auch noch körperlich an jene Form herantrainiert werden, um einen Profi-Radrennfahrer spielen zu können. Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe ein umfassendes Programm absolviert (lächelt).

Man sagt, Sie seien in gewissen Dingen soweit gegangen wie Armstrong…

Es war eine kontrollierte Version dessen, was Armstrong und seine Teamkollegen damals gemacht haben. Ich wurde dabei von einem Arzt betreut, aber mir war es wichtig diesen körperlichen Zustand zu verstehen. Der Film heisst bewusst «The Program», weil es kein biografischer Film über Lance Armstrong ist, sondern sich mit einem ganz bestimmten Kapitel in seinem Leben befasst, in dem er dieses Programm entwickelte, um das erfolgreichste Radrennteam der Geschichte zu realisieren. Und dies auf einer chemischen Ebene nachzuvollziehen und ebenso auf der Ebene der Ernährung war mir genauso wichtig wie das sportliche Training mit Experten, dem ich mich unterzog. Es wäre für den Film fatal gewesen, wenn ich mich auf dem Fahrrad wie ein Amateur verhalten würde.

Sie haben dieses Training in sechs Wochen absolviert, eine relativ kurze Zeit.

Schon, aber es waren sechs enorm konzentrierte Wochen, in denen ich konsequent meine Hausaufgaben erledigt habe.

Auch wenn es kein Biopic ist, so mussten Sie doch eine reale Figur der Gegenwart verkörpern. Das kann doch auch beängstigend sein.

Es ist in der Tat eine einschüchternde Vorstellung, gerade weil ich eine lebende Person verkörpern musste, deren Biografie weitergeschrieben wird. Lance Armstrong  hat Kinder, er hat Familie. Er ist eine komplexe Persönlichkeit und ein komplizierter Mann, aber ich habe während meiner Recherche überraschenderweise auch Empathie für ihn entwickeln können. Dieser einzigartige Drive – man könnte sagen: ich respektiere das Tier in ihm. Wie weit  wir ihn allerdings mit unserer Darstellung verteidigen, dies zu entscheiden ist Sache des Publikums.

Ist es nicht sogar zwingend notwendig, dass man Empathie entwickelt für den Charakter, den man spielt, ansonsten wäre…

…es unmöglich, ihn glaubhaft darzustellen, das ist völlig richtig. Man muss den Charakter, den man verkörpert, auf eine gewisse Weise lieben. Im Falle von Armstrong tue ich das (lacht). Er hat ja nicht nur betrogen, sondern etwa auch mit seiner Krebstiftung eine halbe Milliarde Dollar gesammelt, mit der weiterhin Leben gerettet werden.

Es existieren also zwei Seiten Armstrongs?

Mindestens zwei (lacht).

Haben Sie versucht, mit ihm in Kontakt zu treten?

Ja, aber er war nicht interessiert.

Was hätten Sie denn zu ihm gesagt, wenn Sie ihn getroffen hätten?

Ich hätte ihm wohl zuerst einmal eine Unmenge an Fragen gestellt. Leider wurde mir dieser Luxus nicht vergönnt. Ich werfe ihm aber auch nicht vor, dass er keine Lust hatte mit mir zu sprechen. Ich habe mich ihm angenähert, indem ich viele Leute getroffen habe, die ihm während jener Zeit sehr nahe standen und die auch Teil des Skandals waren. Und die wollten unbedingt sprechen, weil die jahrelange Geheimniskrämerei für sie eine grosse Bürde war.

Damit hat «The Program» diesen Menschen eine Möglichkeit gegeben,  ihr Gewissen zu beruhigen.

Ich hoffe, dass der Film diese Wirkung hat. Zu Beginn waren sie alle nervös, die Teammanagers, Masseusen, Ernährungsberater, Freunde, Teamkollegen und so weiter. Man ist sich am Anfang ja gar nicht bewusst, wieviele verschiedene Menschen in irgendeiner Form in die Sache verwickelt waren. Und zum Glück für uns, war die Mehrheit davon bereit, darüber zu reden.

Wie es Ihnen gelungen ist, diesen – wie Sie selbst gesagt haben, komplexen Charakter – in all seinen Facetten zu verkörpern ist unglaublich beeindruckend…

Herzlichen Dank! 

Wie sind Sie da vorgegangen?

Zum Glück leben wir in Zeiten des Internets. Um zu lernen wie er spricht oder sich bewegt, das lässt sich anhand von Tausenden von Stunden Videomaterial beobachten. Dem eigentlichen Charakter kommt man allerdings so nicht auf die Spur. Das bedarf dann eben intensiven Gesprächen mit Kollegen und Freunden. Für mich gibt es in meinem Beruf nichts Schöneres, als wenn dir ein grossartiger Regisseur – in diesem Falle Stephen Frears – die Möglichkeit gibt, dich intensiv mit einer Rolle zu befassen. Ich liebe dieses intensive Recherchieren über eine Person, die einem anfänglich völlig unbekannt ist. Es ähnelt der Arbeit eines Journalisten.

Und am Ende verwandeln Sie sich in dieses Subjekt. Gab es Momente, in denen Sie beim Blick in den Spiegel erschraken, weil Sie anstelle von Ben Foster Lance Armstrong sahen?

Ich erschrecke grundsätzlich beim Blick in den Spiegel (lacht). Aber ich gehöre nunmal zu jenen Menschen, die «jemand anderes sein wollen» als Beruf gewählt hat. Aber was Lance Armstrong betrifft: Am Ende war ich froh, dass ich ihn wieder ablegen durfte.

Könnte es ein, dass diese Rolle ein Höhepunkt in Ihrer Karriere darstellt und nun einiges verändert?

Etwas Positives hat sie ja mir nun schon gebracht: Ich habe die Gelegenheit erhalten, mit Ihnen zu sprechen. (lächelt) Aber was heisst Veränderung, Wendepunkt oder Durchbruch oder wie man dies auch nennen will? Ich mache Filme seit nunmehr 20 Jahren. Ich durfte und darf mit Filmemachern zusammenarbeiten, die ich respektiere und mit denen zu arbeiten ein Privileg ist. Schon alleine deshalb darf ich mich als ein glücklicher Mensch ansehen. (klopft auf Holz) Mein Leben ist dabei immer privat geblieben, ich weiss also nicht, ob ich einen Wendepunkt oder eine Veränderung überhaupt will (lacht).

Trotzdem könnte es sein, dass Sie nun das Publikum anders wahrnimmt.

Letztlich ist die Schauspielkunst ein Teil eines Unterhaltungsbusiness. Wenn also mehr Leute angesprochen werden, die Filme erfolgreicher sind, ja – dann verändert sich auf geschäftlicher Ebene etwas. Plötzlich hast du mehr Filmangebote und wenn es hochkommt, schlagen sie dir vor ein Cape zu tragen und einer dieser Superhelden in einem dieser Mega-Blockbuster zu spielen. Und schon hast du deine Seele verkauft… (lacht). Erfolg in Hollywood wird übrigens heute über solche Rollenangebote definiert.

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#-#SMALL#-#The Program. UK / Frankreich 2015. 103 Minuten. Regie: Stephen Frears. Drehbuch: John Hodge, nach der Buchvorlage «Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong» von David Walsh. Kamera: Danny Cohen. Musik: Alex Heffes. Radsport-Berater: David Millar. Mit: Ben Foster (Lance Armstrong), Chris O'Dowd (David Walsh), Guillaume Canet (Dr. Michele Ferrari), Jesse Plemons (Floyd Landis), Edward Hogg (Frankie Andreu), Lee Pace (Bill Stapleton), Denis Ménochet (Johan Bryneel), Dustin Hoffman (Bob Hamman).#-#SMALL#-#

#-#SMALL#-#«The Program» – Trailer »#-#SMALL#-#

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