19. Juni 2017
Interview mit Miles Mosley

«Jedes Kind sollte Musik studieren.»

«Uprising» von Miles Mosley ist wie «The Epic» von Kamasi Washington ein künstlerisches Statement des Musikerkollektivs West Coast Get Down aus Los Angeles. Ein Gespräch über Kreativität, musikalische Bildung und die Last des Vornamens mit dem 37jährigen Kalifornier, der nicht weniger will, als den Kontrabass für das 21. Jahrhundert zu revolutioneren.

Interview: Rudolf Amstutz
Miles Mosley: «Ich liebe meinen Kontrabass über alles!» Bild: © Aaron Haxton / Verve Universal
Gebührte der Ausdruck «The hardest working man in show business» nicht alleine James Brown, man würde ihn zweifellos für Miles Mosley verwenden können. Der 37jährige Bassist und Singer/Songwriter aus Los Angeles, ausgebildet in klassischer Musik und Jazz und stets Klassenbester in seiner Generation, hat bereits ein beträchtliches Palmares vorzuweisen. Als Sessionmusiker hat er mit Grössen wie dem jüngst verstorbenen Chris Cornell, mit Lauryn Hill, Joni Mitchell, Jeff Beck oder Christina Aguilera gespielt, in Hollywood kennt man ihn als Komponisten von so unterschiedlichen Filmtrailern wie «The Muppets» oder «The Dark Knight Rises». Die stilistische Bandbreite kommt ihm auch in seiner Haupttätigkeit als Mitglied des Kollektivs West Coast Get Down zugute. Mit seinen Brüdern im Geiste – Saxophonist Kamasi Washington, Pianist Cameron Graves, Keyboarder Brandon Coleman, Posaunist Ryan Porter sowie den Schlagzeugern Ronald Bruner Jr. und Tony Austin – ist er seit der Schulzeit verbunden.

Mit ihnen buchte er im Dezember 2014 für 30 Tage ein Studio. Das Resultat: 170 Songs – die ersten davon sorgten vorletztes Jahr als «The Epic» von Kamasi Washington für Furore. Aus der selben Session stammt nun «Uprising» von Miles Mosley, der auch auf «The Epic» nicht zu überhören war. Sein erstes Album für Verve ist ein Feuerwerk, das sich vom Jazz nährt, aber ebenso der Funk- und Soultradition ein Denkmal setzt. Als würde Jimi Hendrix in der Band von Prince am Kontrabass stehen, umschrieb das amerikanische «Rolling Stone» den Stil Mosleys. Die ungebrochene Bewunderung zu Ray Brown, dessen Soli er einst als Schüler komplett transkribierte, um sie studieren zu können, hat – trotz des stilistischen Brückenschlags, der weit in die elektronische Musik und den Hip-Hop reicht – dafür gesorgt, dass er seinem akustischen Instrument treu geblieben ist. Er wolle dieses grossartige Instrument ins 21. Jahrhundert retten, meint er und hat eigens dafür ein mächtiges Pedalboard gebastelt, mit dem er dem Kontrabass die unglaublichsten Töne entlockt.

Das folgende Gespräch fand im Rahmen von Mosleys US-Tournee im Mai 2017 in Brooklyn statt:

Miles Mosley, Sie sind Teil des Kollektivs West Coast Get Down. Erzählen Sie uns davon.

Miles Mosley: Das ist eine lange Geschichte, die bereits über 25 Jahre dauert. Wir haben uns während unserer musikalischen Ausbildung getroffen. Wir hatten Glück, weil unsere Generation damals von der Politik unter Präsident Bill Clinton profitierte. Er finanzierte Ausbildungsprogramme, die aus privaten Engagements heraus entstanden waren, aber dann in öffentlichen Schulen angeboten wurden. So wurden für Kinder Instrumente finanziert und die Schulen waren in der Lage, hochkarätige Lehrer anzustellen. In dieser Zeit fanden wir zusammen. Weil jeder von uns in seiner Sparte der Beste war, wurden wir für Konzerte angefragt. So hat das angefangen. Obwohl wir während der Collegezeit eigene Wege gingen und auch als Musiker individuell gebucht wurden, kamen wir doch immer wieder zusammen, wenn wir nach LA zurückkehrten, um gemeinsam zu spielen.

Gab es denn kurzfristig Auftrittsmöglichkeiten für Euch?

Lange war das schwierig, weil wir kein musikalisches «Zuhause» hatten. Doch dann fanden wir diesen Ort mit dem simplen Namen «Piano Bar» in Hollywood. Dort spielten wir an zwei Abenden der Woche nach folgenden Regeln: Die Betreiber durften uns nicht vorschreiben wann und was wir spielen. Zudem durften sie keinen Eintritt verlangen. Ein ziemlich guter Deal (lacht). Diese Residenz wurde für uns zu einem kreativen und künstlerischen Erfolg. Wir konnten jede Woche neue Dinge ausprobieren und kamen so langsam zu einem eigenen Katalog an Kompositionen. Einmal hatten wir an einem gewöhnlichen Mittwochabend über 500 Personen im Club , worauf die Feuerwehr wegen Überkapazität einschritt. Da aber dem Fire Marshall unsere Musik gefiel, liess er uns das Set zu Ende spielen (lacht).

Und dann folgte die 30tägige Studiosession.

Genau. Am Ende dieser Konzerte hatten wir dermassen viel Material, dass wir uns für einen Monat im Studio verschanzten und 170 Tracks einspielten. Das erste Album dieser Session war «The Epic» von Kamasi Washington, gefolgt nun von meinem Album «Uprising».

Obwohl man Sie auf «The Epic» hört, klingt «Uprising» völlig anders. Wie muss man sich die Dynamik innerhalb der Truppe vorstellen?

Jeder von uns hat ganz typische, individuelle Fähigkeiten mit seinem Instrument, zudem ist jeder von uns an anderen Musikstilen interessiert. Deshalb klingen die Resultate so unterschiedlich, obwohl wir im Grunde alle ganz klar und mit voller Leidenschaft im Jazz beheimatet sind. Bei mir sind es Funk und Hip-Hop, Cameron Graves dagegen steht auf Prog.-Rock und Metal. Diese völlig unterschiedlichen Perspektiven fliessen in unseren gemeinsam Sound rein. Ich denke, wenn in naher Zukunft alle von uns ihre Soloalben veröffentlicht haben, dann wird man in ihrer Gesamtheit erkennen, wie wir uns gegenseitig beeinflussten. 

Nur um dies klar zu stellen: alle 170 Songs, die eingespielt wurden, werden veröffentlicht.

Auf jeden Fall in jener Welt, in der ich leben möchte (lacht). Jeder von uns hat zahlreiche individuelle Projekte am laufen und da wir ein Kollektiv sind und nicht eine Band, sind wir uns gegenseitig keine Rechenschaft schuldig. Jeder versucht, sich seinen eigenen Raum zu schaffen. Ich fühle mich geehrt, dass ich meine Musik nun auf Verve Records veröffentlichen darf, weil hinter diesem Label ein grosses Vermächtnis steckt. Das fühlt sich für mich wie Zuhause an. Ich träume davon, dass die ganze Session irgendwann, wenn wir alt und grau sind, als Boxset veröffentlicht wird, weil sie in ihrer Gesamtheit dokumentiert, wie junge Menschen sich gegenseitig inspirieren können und daraus was Grossartiges entsteht.

Wir sprechen hier in Brooklyn miteinander. Die Musik der Ostküste unterscheidet sich doch sehr frappant von jener der Westküste, die sich irgendwo zwischen Sonne und Melancholie bewegt – etwas, das man am besten in der Musik von Brian Wilson hören kann, aber eben auch in anderen Varianten auf «The Epic» oder «Uprising». Ich gehe einfach mal davon aus, dass Ihre Musik anders klingen würde, wenn Sie in Brooklyn aufgewachsen wären.

Auf jeden Fall. Ich hätte schon mal keinen Kontrabass an ein Pedalboard angeschlossen, weil ich damit nicht in die Subway gekommen wäre. In L.A. besitzt man ein Auto, und da schmeisst du einfach dein ganzes Equipment rein (lacht). Bereits die unterschiedliche urbane Struktur beeinflusst die Musik. L.A. ist zwar eine grosse Stadt, aber eine, die sich räumlich ausbreitet. Man kann dort sehr gut in Clubs auftreten, an seinem Sound arbeiten und rumexperimentieren, ohne dass man gleich im Rampenlicht steht. In New York kann man sich nicht verstecken, ausser man bleibt in seinem Apartment, wo man allerdings dann nicht mit einem 13köpfigen Orchester proben kann (lacht). Die Tatsache, dass New York als Jazzmekka permanent im Mittelpunkt steht, hat uns Vorteile gebracht. Wir konnten den Schatten nutzen, um etwas Neues zu erschaffen, auf das nun auch Scheinwerferlicht fällt. Vielleicht sind nun wir, die Kinder der 1990er Jahre am Zug. Die Rassenunruhen der damaligen Zeit sind ebenso Teil unserer Identität wie die Beach Boys und Hollywood. Und unsere Mentalität erlaubt es uns, die Mischung so zu präsentieren, dass sie grösser als das Leben erscheint.

Viele der musikalischen Brückenschläge stammen aus New York: Lou Reed spielte mit John Zorn, Sonic Youth mit Public Enemy – nun scheint dieser klingende Melting Pot an der Westküste zu wachsen, wo die Jazz-Community, Hip-Hop und elektronische Musik sich bestens verstehen. Ihr Kollektiv spielt oft mit Leuten wie Kendrick Lamar oder dem Neffen von John Coltrane, Flying Lotus. 

Ich kann nicht genug betonen, dass wir dies dem damaligen Schulsystem zu verdanken haben. Die öffentlichen Schulen sind immer noch grau, veraltet und in vielen Dingen problematisch, aber es gab Leute, die sich für die Jugend engagierten, die alles unternahmen, dass wir uns nicht einer Gang angeschlossen haben. Weil in L.A. die Studioszene wichtiger ist als die Liveszene, kannst du dir Scheuklappen nicht erlauben. Wer von der Musik leben will, kann nicht einfach bloss nur Jazz oder Klassik spielen. Als Sessionmusiker musst du in der Lage sein, alle möglichen Musikstile abzudecken. Wenn du für ein Countryalbum gebucht wirst, dann musst du dich gründlich auskennen mit den Basslinien, dem Sound, den Akzenten und der Geschichte der Countrymusik. Uns fällt es leichter, verschiedenste Elemente zu verbinden, weil uns die Studioszene zu einem offenen Blick zwingt.

Auf dem Cover von «Uprising» sieht man Sie mit einem schwarzen Beret, das an die Black Panthers erinnert. Sind Sie ein Revolutionär?

Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, die Art zu revolutionieren, wie man einen Kontrabass nutzen kann. Ich wollte ein Instrument, das die letzten 500 Jahre nicht verändert wurde, so weiter entwickeln, dass es in der Lage ist, so zu klingen wie der Sound, den ich in meinem Kopf höre. Die Musikgeschichte hat unglaubliche Bassisten hervorgebracht. Ich habe sie studiert und sie werden immer meine Helden sein, weil sie das Instrument vorwärts gebracht haben, indem sie es anders spielten als ihre Vorgänger. Da der Kontrabass aber ein akustisches Instrument ist, droht er in der heutigen Liveumsetzung klanglich unterzugehen. Natürlich: es gibt den elektrischen Bass, dem Leute wie Bootsy Collins oder Les Claypool so viele unglaubliche Sounds entlocken konnten. Aber ich liebe meinen Kontrabass über alles und ich will, dass er seinen Platz auch im 21. Jahrhundert findet. Ich tue dies, indem ich demonstriere, was sich alles mit ihm anstellen lässt. Das ist meine ganz persönliche Revolution. Als Singer/Songwriter spiele ich aber nicht nur für mich, sondern für die Menschen und ich will, dass zwischen meiner Musik und dem Zuhörer eine Verbindung entsteht. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies die Absicht von Musik sein sollte: den Menschen etwas zu geben, zu dem sie eine Beziehung aufbauen können. Musik sollte ein emotionaler Anker sein, auf den man zurückgreifen kann. 

Und doch: Im Song «Abraham» singen sie «mediocrity is everywhere». Das ist in Zeiten Donald Trumps doch schon ein Kommentar. 

Am Ende betrachtet man Musik immer auch unter dem Aspekt der politischen Umgebung, in der sie entstanden ist. Unser Kollektiv hat sich ohne kommerziellen Hintergedanken zusammengefunden; einzig und allein, um Musik für Menschen zu machen. Das alleine könnte man in unserer wirtschaftsorientierten Welt bereits als politisches Statement verstehen. Auch der Einbezug verschiedenster Stile darf man getrost als Zeichen von Einheit und Toleranz betrachten. Aber ich muss zugeben, dass ich mich in den letzten acht Jahren nicht detailliert mit Politik befasst habe. Wieso nicht? Weil mein Team 2008 gewann und an die Macht kam. Erst jetzt betrachte ich die Dinge wieder detaillierter und kritischer und dies führt unweigerlich auch zu Statements, die gesellschaftlich und politisch zu verstehen sind.

Sie sind nach Miles Davis benannt.

Ja, und zwar weil Miles der absolute Lieblingsmusiker meiner Mutter ist. Das erste Jazzstück, das ich auf meinem Kontrabass gelernt habe, war «All Blues». Damals habe ich klassische Musik studiert und als Jugendlicher stand ich auf Rockmusik, aber ich wollte meine Mutter glücklich machen und ihr gleichzeitig zeigen, dass ich Fortschritte mache und das Geld, das sie für mich ausgibt, nicht vergebens ist (lacht). Ich glaube, kein Musiker kann behaupten, er sei nicht von Miles beeinflusst worden. Und damit meine ich nicht nur die Musik, sondern auch seine Haltung und sein Talent für Branding. Zum Glück habe ich mich nicht für eine Trompete entschieden, dann wäre ich heute wohl erledigt (lacht). Aber als Jazzmusiker mit Vornamen Miles fühlt man sich irgendwie auch verpflichtet, nie stehen zu bleiben und stets nach neuen Grenzen zu suchen.

Haben Sie heute noch eine Beziehung zur klassischen Musik?

Oh ja. Ich liebe Streichquartette über alles! Ich habe Passagen auf meinem Album, die ich für Streicher arrangiert habe. Als Schüler verspürte ich immer dann den Drang, wenn in einem klassischen Stück ein paar Takte waren, die mich faszinierten, dort zu verweilen oder den Part als Loop zu spielen, um dann über ihn ein Solo zu legen. Meine Bewunderung mündete immer im Wunsch nach Manipulation. Privat spiele ich immer wieder klassische Stücke. Keine andere Musik, gibt einem ehrlicher zu verstehen, über welches technische Level man verfügt. 

Sie sind ein klarer Verfechter der musikalischen Ausbildung.

Unbedingt. Jedes Kind sollte zwischen drei und zehn Jahren Musik studieren. Auch wenn dies am Ende nicht zu einer Karriere führt, ist dies für die Entwicklung des Hirns zwingend notwendig. Das führt zu mehr Toleranz nicht nur gegenüber Musikern, sondern verändert auch den Blick auf die Welt. Musikalisch geschulte Menschen wollen mehr hören, als bloss Songs, die klingen wie die einfachsten Kinderlieder. Wenn man auf dieser Stufe stehenbleibt, dann wählt man auch als Erwachsener diese simplen Muster bei der Wahl der Musik. Die Qualität der Unterhaltungsmusik gibt uns Aufschluss darüber, wie stark die Menschen in einem Land musikalisch gebildet wurden. In Brasilien singen die Menschen in Massen zu Liedern, die unglaublich komplexe Melodien haben, als sei dies das einfachste der Welt. Das sagt vieles aus über ihre Kultur.

Und wie bringen wir die gesellschaftliche und politische Kultur zurück in unsere Gesellschaft?

Tatsache ist, dass wir in einer kurzfristigen Welt leben und Ausbildung etwas ist, das sich nur längerfristig umsetzen lässt. Die Menschen wollen auf ihre dringenden Probleme schnelle Antworten haben. Ich tendiere deshalb zu Projekten, die geographisch auf kleinem Raum basieren. Projekte, die sich im Radius von fünf Meilen bewegen. Damit erreicht man schnellere Resultate für die Menschen dieses Viertels und gleichzeitig lassen sich auch Dinge, die länger dauern, besser kommunizieren. Die kleineren Projekte überlappen sich dann geographisch und beginnen miteinander zu kommunizieren und sich so auszubreiten. Vieles in den sechziger und siebziger Jahren wurde genauso umgesetzt. Die Menschen unterstützten einander, sorgten füreinander und hatten auch mehr Toleranz. Und dahin sollten wir zurückkehren.

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#-#SMALL#-#Album: Miles Mosley: «Uprising» (Verve / Universal)#-#SMALL#-#
#-#SMALL#-#Miles Mosley – Website »#-#SMALL#-#

#-#SMALL#-#Video: «Abraham», 31.5.2017 live Paste Studios, New York »

Video: «Young Lion» – Live at Santa Monica Twilight Series »#-#SMALL#-#


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