24. Februar 2017
Stiller Has – Interview mit Endo Anaconda

«Wir Schweizer leben in einer Wellnesszone»

Vor vier Jahren besang Endo Anaconda noch das «böse Alter». Nun haucht der 62jährige Berner seiner Band Stiller Has mit jungen Musikern neues Leben ein. Die Sehnsucht ist als Musse geblieben und hat den Sänger mit inhaltlichen Weisheiten gesegnet. «Endosaurusrex» ist das Werk eines sprachgewaltigen Chronisten eidgenössischer Befindlichkeiten.

Interview: Rudolf Amstutz
Sehnt sich nach geistigem Austausch und Debatte: Endo Anaconda. Fotos: © Michael Schär

Endo Anaconda, wie fühlen Sie sich?

Nun, die letzte Zeit war sehr spannend. Ich war in Ungarn und Kroatien und über Neujahr in Österreich. Zudem habe ich an den neuen Liedern gearbeitet und viel Zeit mit den Musikern im Studio verbracht. Ich selber bin ja kein Musiker, ich bin – wie Dieter Meier mal so treffend beschrieben hat – einer, der sich durch den Text raspelt, aber dies scheinbar gut (grinst). Kurzum, ich hatte eine sehr kreative Zeit. 

Ausser Ihnen besteht nun Stiller Has aus lauter neuen Leuten. Weshalb?

In der alten Band mochte niemand mehr so richtig. Am Ende fehlte die Inspiration. Das ist wie bei einer Beziehung. Die Lieder sind meine Kinder und wenn es den Kindern nicht mehr gut geht, dann ist es an der Zeit weiter zu gehen. 

Die zwei dominierenden Figuren auf dem Album sind der Keyboarder Roman Wyss und der Akkordeonist Mario Batkovic. Wie haben Sie sie gefunden?

Batkovic habe ich 2015 bei der Verleihung des Berner Musikpreises kennen gelernt. Mir gefiel, was er mit den Kummerbuben angestellt hat, wusste aber nicht, dass er vor allem ein erfolgreicher Solokünstler ist, der überall in Europa auftritt. Ich merkte also, dass er eine ganz grosse Nummer ist, obwohl man ihn seltsamerweise in der Schweiz kaum wahrnimmt. Beim Festival m4music läuft er gar unter Newcomer. (lacht) Mit Roman hatte ich schon zuvor zusammengearbeitet, im Rahmen seines Projektes «Nachtfieber». Die beiden sind eine Art Hybrid: Batkovic ist eher der Typ John Lennon und Wyss Paul McCartney. Ich spürte sofort, da gibt es ein gewisses Spannungsfeld, das mir sehr gut gefällt.

Das letzte Album, «Böses Alter», mit den darauf besungenen Erkenntnissen, die mit dem Älter-Werden verbunden sind, erinnerte mit ihrem Rück- und Ausblick entfernt an «Time Out Of Mind» von Bob Dylan.

Das kann gut sein, obwohl dies von meiner Seite nicht bewusst gemacht worden wäre.

Dylan singt: «It's not dark yet, but it's getting there» und läutete damit einen neuen künstlerischen Frühling ein. Das scheint bei Stiller Has ähnlich. Auf «Endosaurus Rex» geht jetzt plötzlich wieder die Post ab. Lieder wie «Witwe» und «Julia» erinnern an Go-ran Bregovics Wedding & Funeral Music. Da wird das Leben und der Tod gleichzeitig gefeiert.

Ja, das sind die slawischen Einflüsse, die mir durch die Muttermilch mitgegeben wurden, schliesslich bin ich in der Nähe von Jugoslawien an der der slowenischen Grenze aufgewachsen. 

Sehnsüchte?

Ja, aber ich würde es nicht als Heimweh bezeichnen, eher als Weltweh. Ich habe das Gefühl, wir Schweizer leben heute in einer Wellnesszone und man darf die Türe ja nicht aufmachen, weil draussen lauert der Terrorist oder was weiss ich. Vor der Türe herrscht Gefahr und wir Schweizer gucken auf den Nabel und warten auf den nächsten Schneefall, weil wir sonst erneut die Schneekanonen anwerfen müssen. Und dann hoffen wir, dass der Herr Trump gut ist für die Schweizer Exportindustrie. Das ist für mich keine Haltung, weil sie nicht in die Zukunft führt. 

Diese Befindlichkeit erinnert auch an Friedrich Dürrenmatts Havel-Rede…

Genau: das selbstgewählte Gefängnis. Und heute geht immer alles gleich ins Private. Es kommt mir vor, wie wenn Menschen nach einem Flugzeugabsturz anstelle das Wrack zu verlassen ihr Necessaire suchten, um sich noch schnell zu schminken. Wir leben in einer Art Schockzustand: nur nicht hinsehen und lieber Katzenbildchen gucken.

Sie singen auch, Sie seien Endosaurus Rex, der letzte Ihrer Art. Da liegt eine Einsamkeit drin.

Mir fehlt ein wenig der geistige Austausch oder zumindest eine Debatte darüber, wie wir von unserer defensiven Haltung wegkommen können. Wir sollten mehr über den Rand hinweg gucken. In der Kultur beobachte ich diese Rückkehr zum «Bluemetröglete». Ich will dies nicht verurteilen, Unterhaltung hat seine Berechtigung. Aber ich persönlich kann das einfach nicht. Ich bin überzeugt, dass man sich den Dämonen entgegenstellen muss, um sich positionieren zu können.

Der geistige Austausch fehlt, und trotzdem wird viel geredet. In «Spoken Word» singen Sie: «Säg doch was z’säge hesch, aber bitte mach’s churz»

Ja, am besten via Twitter (lacht). Wir leben in der Welt der Kurznachrichten. 

Das hat der neue US-Präsident als einer der ersten erkannt. Er zwitschert täglich Sachen wie: «It's freezing and snowing in New York – we need global warming!»

Herrjeh! The Daily Trump. Jede Tag e Furz u niemer lüftet!

In «Lee van Cleef» besingen Sie einen Antihelden des Westerns.

Meine Generation wurde mit dem Western sozialisiert. Darin liegt auch die Sehnsucht, das Böse in einem fairen Revolverduell aus der Welt schaffen zu können, ohne das gleich ganz Dodge City abbrennt. Zudem waren damals das Gute und das Böse klar voneinander getrennt.

Das wird zunehmend schwieriger. In «Hung» singen Sie: «Was me sech iibildet, das gloubt me o».

Verrückt, oder? Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Man kann irgend etwas behaupten, solange man es den Leuten lange genug vorsetzt. Trotzdem keimt immer wieder Hoffnung auf. Zum Beispiel beim Resultat zur erleichterten Einbürgerung. Da haben die Burka-Plakate nichts genützt. Ich glaube, das ist ein Anti-Trump-Effekt. Die Schweizer sind nicht so blöd. Es existiert zwar ein gewisser Grad an Blödheit, aber wenn dieser überschritten wird, dann ekeln sich die Leute davor.

Die westlichen Demokratien stehen auf der Kippe und Sie gehen davon aus, dass die Menschen rechtzeitig die Notbremse ziehen werden, weil ihnen das Ganze zu dumm wird?

Ja. Ich denke, am Ende wird es die Zivilgesellschaft richten.

Dann haben Sie viel Vertrauen in jene Gesellschaft, die Sie in «Hung» beschreiben: «Dr Mönsch sehnt sich nach Katastrophe, Hauptsach me isch nid betroffe.» Sind Sie deshalb ins Emmental geflüchtet? Weil Sie die Gesellschaft nicht mehr ertragen?

Ich bin einfach auf der Flucht vor der ewigen Zwangskommunikation. Selbst das Handy ist oft unerträglich. Ich persönlich hab ja nur ein Seniorenmodell. Wenn ich morgens den falschen Knopf drücke, dann kommt die kardiologische Notfallabteilung. (lacht)

Die Jungen ziehen in die Stadt und Sie ins Emmental, wo Sie wiederum den Altersdurchschnitt runterdrücken.

(lacht) Ja, das «Meitschi», das unter mir wohnt, ist 84. Sie ist aber auch wesentlich fitter als ich, muss ich dazu sagen. 

Sie werden im Herbst 2018 gemeinsam mit Pianist Roman Wyss im Duo auftreten und eine Rückschau auf die lange Karriere von Stiller Has präsentieren. Wie ist das, wenn man sich durchs eigene Werk hört?

Es hat ein paar Songs, die wirken selbst auf mich wie Klassiker. Doch es gibt auch solche, die sind einfach nur Hafenkäse. Aber eigentlich bin ich ja ein alter Folkie, der sein altes Material immer wieder aufarbeitet und irgendwie integriert. Auf der kommenden Tournee mit der Band werden etwa «Hene» und «Käthi» wieder aufleben und wir gehen auch wieder «dr Aare na». 

Einen uralten Song gibt es als Epilog auch auf «Endosaurusrex» zu hören: «So vergeht die Zeit».

Im Sinne eines Resümees, ja.

Da könnte man meinen, der Künstler verabschiede sich jetzt für immer. Und man denkt, hoffentlich kommt danach noch was.

Das hoffe ich auch (lacht). Aber jedes Lied könnte das letzte sein. Ich bin jetzt 62, gesundheitlich angeschlagen und ich habe gefährlich gelebt. Aber «So vergeht die Zeit» ist auch ein Postulieren meines Weiterflugs.

Zu Beginn eines Albums weiss man wohl auch nicht, wie es endet.

Eigentlich hätte die Platte «Fädere» heissen sollen, weil das Motiv des Fliegens als roter Faden durch die Songs geht.

Es ist aber dann schon ein Unterschied, ob die Platte nun «Fädere» oder «Endosaurusrex» heisst. Die beiden Titel besitzen ein völlig anderes physisches Gewicht. Letzterer klingt viel schwerfälliger und erst, wenn man die Platte hört, spürt man auch die Leichtigkeit.

Einerseits fühle ich mich auch etwas wie ein Endosaurus Rex, andererseits steht der Ich-Erzähler auf der Platte ja nicht nur für mich, sondern für eine allgemeine Befindlichkeit. Die momentane Situation erachte ich nunmal als schwerfällig und dann kommt noch die verschissene Tatsache hinzu, dass man auf die Welt kommt, einzig um zu realisieren, dass man nächstens wieder gehen muss. Im Titelsong singe ich ja auch: «Scho im Toufchleid hani grännet, wöu I im Lychehemd muess gah.» 

Im Fernsehen konnte man Sie bei der Verleihung der «Swiss Music Awards» im Publikum sehen. Eine Art fleischgewordener Anachronismus zur Veranstaltung.

Nun, ich habe ja nichts gegen all diese Popakademien, aber man findet heute kaum noch einer, der nicht eine solche Akademie abgeschlossen hat. Ideologisch unterscheiden die sich ja kaum mehr von der Volkswirtschaftsfakultät St. Gallen. Da müssen gewisse Kriterien erfüllt sein. Man muss tanzen können und einigermassen gut aussehen. Da falle ich dann natürlich völlig aus dem Rahmen. Immerhin fühle ich mich noch mit Fleisch tapeziert in diesem virtuellen jurassischen Park, in dem wir leben. (lacht) 

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Zur Person:

• Endo Anaconda wurde als Andreas Flückiger 1955 in Burgdorf als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizer Polizisten geboren.

• Die ersten fünf Jahre seines Lebens bis zum Tod des Vaters verbringt er in Biel.

• Mit 12 kommt er in ein Internat nach Klagenfurt. Anschliessend absolviert er in Wien eine Lehre als Siebdrucker.

• Anfang der 1980er Jahre Rückkehr in die Schweiz. Fällt bei der Formation Die Alpinisten erstmals als Texter und Sänger auf.

• 1989 gründet er mit Balts Nill Stiller Has. Das Duo veröffentlicht insgesamt sieben Studioalben, darunter «Landjäger», «Moudi» und «Walliselle».

• Es folgen von 2006 bis 2013 mit voller Band und mit Gitarrist Schifer Schafer (Ex-Rumpelstilz) als Kreativpartner drei weitere Alben, darunter «Böses Alter».

• Mit «Sofareisen» (2005) und «Walterfahren» (2011) erscheinen Anacondas Zeitungskolumnen in Buchform.

• 2015 wird ihm der Berner Musikpreis verliehen.

 

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Aktuelles Album: «Endosaurusrex» (Sound Service)

Webseite Stiller Has »

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