4. März 2012

Buchauszug «Lyrix»: Kraftwerk – «Autobahn» (1974)

Das Rollen der Mensch-Maschine

Songs hören heisst auch: Texte hören. Nun präsentieren 33 Autoren ihre Gedanken zu 33 deutschsprachigen Musiktexten im Buch «Lyrix – Lies mein Lied». Als exklusiver Beitrag hier die Gedanken unseres Autors Markus Ganz zu «Autobahn», dem Klassiker von Kraftwerk aus dem Jahre 1974.

Kraftwerk – live at The Royal Festival Hall, London. 21. April 2005. Foto: © Peter Boettcher

Los geht die Reise! Die Autotüre wird zugeschlagen und der unverkennbar klingende Motor eines VW-Käfers angelassen. Dann fährt das Auto los und hupt signalhaft, ein roboterhafter Vocoder-Chor singt emotionslos «Autobahn». Nun legen die elektronischen Instrumente los und bringen das Stück mit monoton pulsierendem Rhythmus in gleichförmige Fahrt. Und jemand singt lakonisch jene Zeile, die Mitte der siebziger Jahre selbst englischsprachige Musikfans zum Mitsingen brachte:

#-#QUOTE#-#Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn#-#QUOTE#-#
Viel mehr geschieht weder textlich noch musikalisch im Stück «Autobahn», das vom gleichnamigen vierten Kraftwerk-Album stammt und dort fast 23 Minuten dauert. Trotzdem brachte es der 1970 gegründeten Düsseldorfer Gruppe um Ralf Hütter und Florian Schneider den internationalen Durchbruch und wirkte wegweisend für Technopop, Elektro-Funk, Hip-Hop und Techno. Mit seinem tanzbaren «Maschinen-Sound» und stark reduzierten Arrangements beeinflusste es unzählige Künstler wie Afrika Bambaataa, David Bowie, Depeche Mode und Jeff Mills. Selten gewürdigt werden die Verdichtungen mit Gitarre, Perkussion und Querflöte, die poetische Zwischentöne und Spannung in die Einförmigkeit bringen. Aber es ist nicht die Musik allein, die die Faszination dieses Stücks ausmacht.

Erst der Songtext bringt die Musik auf den Punkt, obwohl er keine wirkliche Geschichte erzählt; er besteht ja auch nur aus dem oben erwähnten, refrain-artig repetierten Kernsatz sowie drei weiteren, ähnlich kurzen Textteilen. Die Kritiker zeigten sich damals meist stark verunsichert. In einem Artikel über den Erfolg von Kraftwerk und anderen deutschen Bands in den USA schrieb ein ungenannter Journalist zum Stück «Autobahn»: «Der vielfach wiederholte Banaltext ist wohl nicht als Sinnträger, sondern als eine Art Mantra zu verstehen – eine Beschwörungsformel, die den Zugang zum Unbewussten erschließt».

Es ist zu einem guten Teil der Klang der Worte, der die hypnotische Wirkung des motorischen Rhythmus' verdichtet. «Wir benutzen auch die Sprache als ein Musikinstrument», erklärte Ralf Hütter gegenüber Geoff Barton vom Magazin Sounds, «Sprache ist einfach nur ein anderes Rhythmusmuster.»  Insbesondere die Repetition des Wortes «fahr'n» verstärkt das Gefühl des fortwährenden Rollens. Dieses wiederum ist nichts Neues. Schon das deutsche Volkslied «Hoch auf dem gelben Wagen», das auf Rudolf Baumbachs Gedicht «Der Wagen rollt» (1879) basiert, handelt von einer unaufhaltsamen Reise, die für den unerbittlichen Fortgang des Lebens steht. Im Refrain wird dem Willen zum Verbleiben jeweils die Zeile «aber der Wagen, der rollt» angehängt, wobei das «R» von «rollt» oft rollend gesungen und das Wort gern wiederholt wird.

#-#IMG2#-#Das Leben auf der Autobahn – das passte Mitte der siebziger Jahre gut zur Vorstellung eines modernen, von Technik geprägten Alltags, den Kraftwerk in der Folge immer wieder thematisiert hat. Es ist deshalb fraglich, ob man «Autobahn» tatsächlich als «Variante von «Route 66» für die siebziger Jahre»  bezeichnen kann. Der 1946 von Bobby Troup komponierte und durch Nat King Cole bekannt gewordene US-Songklassiker beschwört den amerikanischen Mythos der Freiheit und der vielen Möglichkeiten in den namentlich erwähnten Orten entlang der Straße. Kraftwerk hingegen lässt einen die Monotonie einer Autobahnfahrt durch eine austauschbare Gegend erfahren, nicht einmal das Ziel ist bekannt – eine Anspielung auf den modernen Lebensalltag. Aus dieser das ganze Stück prägenden Grundstimmung kann man bereits die Gelangweiltheit der kommenden Freizeitgesellschaft erahnen, bei der der Weg zum Ziel wird.

Während die kühlen elektronischen Klänge und der lakonische Gesang damals in die Zukunft wiesen, führte das Albumcover in eine Vergangenheit, die eine glänzende Zukunft versprach – eine spezielle Form des Retrofuturismus. Der damals lose zu Kraftwerk gehörende Künstler Emil Schult hatte eine durch eine hügelige grüne Landschaft führende Autobahn gemalt. Entsprechend heißt es im Text, dessen Entwurf ebenfalls von Schult stammt:
 
#-#QUOTE#-#Vor uns liegt ein weites Tal, die Sonne scheint mit Glitzerstrahlen
Die Fahrbahn ist ein graues Band, weißer Streifen, grüner Rand
#-#QUOTE#-#
Und tatsächlich sind, was schon Mitte der siebziger Jahre wohl selten der Fall war, auf der kilometerweiten Autobahn nur gerade zwei Autos zu sehen: ein weißer Volkswagen-Käfer für die zum Mittelstand aufsteigende Arbeiterschicht und eine schwarze Mercedes-Limousine für die wachsende Oberschicht.

Dieses Bild führt zurück zum Fortschrittsglauben zu Zeiten des «Wirtschaftswunders» und erklärt auch die leise Wehmut und Nostalgie, die in der Musik mitschwingt. Denn es idealisiert und romantisiert: Man sieht eine grüne Landschaft ohne die Industrien, die das Wirtschaftswunder ermöglichten, und ohne die Massen von Autos, die dieses ermöglichen sollte. In den Konzerten verdeutlichte Kraftwerk diese Bilder immer wieder mit Filmsequenzen in Schwarzweiß, die einen trancehaft auf einer nahezu unbefahrenen Autobahn vorwärtsgleiten liessen.

Kraftwerk hat Symbole der Zukunft wie «Die Roboter» (1978) oder «Heimcomputer» (1981) früh thematisiert, es aber meist vermieden, sie zu werten oder Botschaften zu vermitteln. Die große Ausnahme ist das schon im Titel doppeldeutige Stück «Radio-Aktivität» (1975), das die Gruppe später mehrmals mit Orten von Atomkraftwerkunfällen und einem deutlichen «Stopp» aktualisiert hat. Die emotionslose, meist eher gesprochene denn gesungene Vortragsweise, die bei fast allen Stücken dominiert, hat dieses neutrale Element noch verstärkt. Auch der Text zu «Autobahn» wirkt sehr nüchtern, obwohl die «Glitzerstrahlen» der Sonne Zukunftsglauben andeuten.

 Das gespenstisch verfremdete Wort «Autobahn», das schon nach einer Minute ertönt, erklingt hingegen wie ein früher Mahnruf. Einige Minuten später ertönt er wieder und gibt danach einen Vorgeschmack auf die Zukunft: Mit dem Dopplereffekt veränderte Töne deuten im Stereopanorama vorbeirasende Autos an und lassen damit die kommende Zunahme und die Beschleunigung des Verkehrs erahnen. Unruhe in die von gemächlichem Fliessen geprägte Grundstimmung bringt gegen Ende des Stücks auch eine Stimme, die sagt:

#-#QUOTE#-#Jetzt schalten wir das Radio an#-#QUOTE#-#
Ein wilder Frequenzsalat erklingt und kurz darauf wird die Kernzeile des Songs gesungen: «Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn», so als ob die Musik aus dem Lautsprecher des Autos käme.

Das «Wir» in dieser Kernzeile darf man getrost als Zusammenschluss von Auto und Fahrer verstehen, denn das Hauptthema von Kraftwerk ist die stetig enger werdende Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Dies kommt am besten beim Thema Radfahren zum Ausdruck, das die Mitglieder zeitweise allesamt ambitioniert praktizierten und zum Stück «Tour de France» (1983) sowie zum Album «Tour de France Soundtracks» (2003) geführt hat. Die Begeisterung für das Radfahren entspringe «vermutlich aus einer Affinität zur Musik – der Mensch und die Maschine, die zu einer Einheit werden», meinte Ralf Hütter . Dies führt in letzter Konsequenz zur «Mensch-Maschine» und zum «Roboter», die Kraftwerk ja bereits 1978 in Songs mit diesen Titeln thematisierte. Ralf Hütter erklärte seine Faszination für die Technik so: «Maschinen wurden lange als schlimm angesehen. Das war bei uns nie der Fall. Wir arbeiten mit den Maschinen zusammen. Zwischen uns und ihnen herrscht Kameradschaft».

Das Album «Autobahn» wurde in Deutschland zunächst verhalten aufgenommen, stiess sogar auf feindselige Reaktionen. Der kühle, trockene Sound und die maschinenhaft steifen Rhythmen wurden in ihrer technischen Präzision und Perfektion als gefühllos und zu wenig musikalisch eingestuft. Zusammen mit den deutschen Texten und der Konzepthaftigkeit ging dies vielen Deutschen wohl auch zu nah und wurde als unangenehm typisch deutsch empfunden. Man argwöhnte gar, dass sich die Band «über alles Deutsche» lustig mache.

Gerade die als typisch deutsch empfundenen Eigenheiten von «Autobahn» faszinierten außerhalb Deutschlands ein erstaunlich breites Publikum, vor allem in Frankreich, England und den USA. Als jemand auf die mutige Idee kam, das im Original fast 23 Minuten dauernde Stück für eine Single-Version auf unter vier Minuten zu kürzen, war der Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Die Single gelangte 1975 als erster Popsong mit deutschem Text in die US-Hitparade, in der Folge dann auch das Album – bis auf Platz 5, ähnlich erfolgreich war «Autobahn» auch in Grossbritannien.

Zum erstaunlichen Erfolg im angloamerikanischen Raum hat vermutlich ein textliches Missverständnis beigetragen. Viele Leute verstanden das Wort «Fahr'n», so wie es mit leicht verschlucktem «R» gesungen wurde, als «fun». Entsprechend hörten sie «Fun, fun, fun auf der Autobahn», was zum Spitznamen «Beach Boys aus Düsseldorf» führte. Gemäss Wolfgang Flür, dem langjährigen Schlagzeuger von Kraftwerk, war diese Verbindung zur kalifornischen Band in keiner Weise beabsichtigt. Aber sie habe gewirkt, denn Fahren mache nun einmal Spass. Über den Erfolg im Ausland wurde das Stück schliesslich auch in Deutschland zum Klassiker.

In der Schweiz war «Autobahn» kein derart breiter Erfolg beschieden. Aber Kraftwerk beeinflusste auch hier Musiker, insbesondere die der Zürcher Gruppe Hertz. Während den meisten Bands um das Jahr 1980 herum entweder die Galle oder das Herz überlief, dominierte bei Hertz – der Name ist ja kein Zufall – ein kühler Sound und der nüchterne Blick auf schweizerische Eigentümlichkeiten. Derart setzte das Quartett dem «Gottharddurchstich» ebenso ein Denkmal wie der «Grünzone» – alles ohne Kritik, aber auch ohne Jubel. «Das wurde mir damals auch vorgeworfen: dass meine Texte zu wenig engagiert seien», erinnert sich der Psychiater Dominique Grandjean, der die meisten Songs geschrieben hat. «Aber ich empfand mich eben mehr als beobachtender Dokumentalist.»

Dies ähnelt auffallend der Betrachtungsweise von Kraftwerk. «Wir waren damals natürlich grosse Bewunderer dieser Gruppe», erklärt Dominique Grandjean. «Insofern suchten wir die Monotonie und Kühle, wobei dies eigentlich Stilelemente sind, die man mit Synthesizern und Schlagzeug-Maschinen eher zustande bringt als mit herkömmlicher Bandbesetzung, wie wir sie hatten. Es war eher der Inhalt, den wir transportieren wollten, nicht die Mittel.» Interessanterweise hatte Dominique Grandjean nach seinem Mundartstück «Campari Soda» (1977, unter dem Namen Taxi), das erst viel später zum nationalen Klassiker wurde, zu hochdeutschen Texten gewechselt und damit eine zusätzliche Distanz zur Gefühlswelt geschaffen. Die Nähe zu Kraftwerk und zum Stück «Autobahn» zeigt sich textlich besonders deutlich im Song «Roller» (1983):

#-#QUOTE#-#Wir rollen rollen über Teer
Der Motor über Teer
Der Motor brennt unter den Füssen.
Und ohne Rast und ohne Ruh (...).
Wir fahren fort.
Wir fahrn wir fahrn.
Wir fahrn wir fahrn.#-#QUOTE#-#

Markus Ganz

© Orange-Press. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

#-#IMG3#-##-#SMALL#-#Das Buch «Lyrix» vereint 33 Texte von Journalisten, Musiker, Filmer und Wissenschaftlern über 33 deutschsprachige Songtexte. Autoren wie Ale Dumbsky, Klaus Theweleit, Zita Bereuter sowie TheTitle-Autoren Markus Ganz und Eric Facon, schreiben über Songtexte von Abwärts, Udo Lindenberg, Lassie Singers, Ton Steine Scherben, Kraftwerk oder Züri West.

LYRIX – Lies mein Lied. (33 1/3 Wahrheiten über deutschsprachige Songtexte). Herausgegeben von Erik Waechtler und Simon Bunke. Orange-Press Freiburg. 256 Seiten. Klappenbroschur.
€ 20 / CHF 28,90

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