150 Jahre BAM
«We bring the world to Brooklyn and Brooklyn to the world»
Sergei Rachmaninoff, Gustav Mahler, Isadora Duncan, Martha Graham, Peter Brook und Rudolf Nureyev haben eines gemeinsam: alle waren sie Gast an der Brooklyn Academy of Music, kurz BAM. Nun feiert das älteste Performing Arts Center der USA seinen 150. Geburtstag.
von Rudolf Amstutz
Es gibt viele, legendäre Aufführungsorte in New York City: die Metropolitan Opera, die Carnegie Hall oder die Town Hall. Doch eine dieser traditionellen Institutionen der Stadt ragt besonders heraus: The Brooklyn Academy of Music, kurz BAM genannt. Zum einen liegt sie nicht in Manhattan, zum anderen ist sie die älteste Institution der USA, die sich den darstellenden Künsten widmet. 1861 wurde sie feierlich eröffnet. In einer Zeit also, als Brooklyn noch nicht Teil New York Citys und die drittgrösste Stadt Amerikas war. Damals stieg innerhalb von 30 Jahren die Bevölkerung Brooklyns von 25'000 auf eine Viertelmillion an (heute: 2,5 Millionen). Was den konservativen Geschäftsmann A.A. Low zur Aussage verleiten liess, dass Brooklyn erst zu einer Stadt werde, wenn man den Männern, Frauen und Kinder ein entprechendes kulturelles Angebot ermögliche. Eine progressive Perspektive, die heute manchem Konservativen im Land gut anstehen würde.
Letztlich spielte es keine Rolle, ob der Drang zu künstlerischen Höhenflügen oder die Angst, auf ewig ein provinzielles Etikett verpasst zu bekommen, Antrieb waren. Tatsache ist, dass unter der Ägide von Low und mit Hilfe des Architekten Leopold Eidletz an der Montague Street im vornehmen Brooklyn Heights ein kolossaler Bau entstand, der Brooklyn schlagartig zum kulturellen Zentrum der USA machte. Als 1883 – 22 Jahre nach der BAM-Eröffnung – die Brooklyn Bridge feierlich eingeweiht wurde, führte New Yorks Gouverneur Grover Cleveland den damaligen US-Präsidenten Chester A. Arthur direkt zur Academy, was deren Wichtigkeit noch unterstrich.
Allerdings überlebt auch eine Institution dieser Grösse nicht 150 Jahre ohne Krisen, und davon gab es in der BAM-Geschichte nicht wenige. Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten zahlreiche Theater, Konzertsäle und Musikclubs in Brooklyn ihre Tore und in der Academy gastierten fast nur noch Amateurvereine mit ihren Theaterproduktionen. Gemeinsam mit dem Brooklyn Institute of Arts and Science (BIAS) beschloss man, der Bevölkerung mit Vorlesungen und Kursen eine kulturelle Ausbildung zu ermöglichen. Kurz bevor das Haus zur reinen «Schule» verkam, kam der nächste Schlag: am Morgen des 30. Novembers 1903 brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Der Schock über den Verlust dauerte nicht lange an. Martin W. Littleton, Bürgermeister des mittlerweile zu New York City gehörenden Stadtteils, gründete gemeinsam mit 100 der wohlhabendsten Bürger ein Komitee, um den Wiederaufbau zu planen und zu finanzieren.
1908 eröffnete die Brooklyn Academy of Music in Fort Greene ihr bis heute bestehendes neues Zuhause. Das damals als progressiv geltende Architekturbüro «Herts and Tallant» liess mit einer eindrucksvollen Front kein Zweifel daran, dass in diesem Hause in Zukunft Grosses geplant war. Eröffnet wurde standesgemäss mit Gounods «Faust», einer Produktion der New Yorker «Met», mit Geraldine Farrar und Enrico Caruso. Und der Reigen der grossen Namen sollte in den nächsten Jahrzehnten nicht abreissen: so tanzte noch im selben Jahr Isadora Duncan zu Beethovens 7. Sinfonie. Gustav Mahler und Arturo Toscanini dirigierten in der Folge, Anna Pavlova tanzte gemeinsam mit Mikhail Mordkin, Sarah Bernhardt trat 1917 als 73-Jährige (und mit amputiertem Bein) an drei Tagen sechsmal auf, Sergei Rachmaninoff debütierte 1919 mit einem Rezital, Martha Graham 1933 mit ihrer Company. Thomas Mann sprach 1939 über «Demokratie» und ein Jahr später kam die Academy an ihre räumlichen Grenzen, als Präsident Franklin D. Roosevelt zu Gast war: 2'200 Menschen waren im Saal, 700 weitere auf der Bühne und 6'000 Menschen versammelten sich vor dem Gebäude.
Die Qualität des Gebotenen liess sich allerdings nur finanzieren, weil das BIAS mit seinem Kursangebot äusserst erfolgreich war. Als dieser Zweig Anfang der fünfziger Jahre zu kriseln begann, drohte der nächste Kollaps. Die Academy war aber mittlerweile mehr als bloss Aufführungsort: sie war gemeinsam mit den Dodgers, der Baseball-Mannschaft, die 1958 nach Los Angeles verkauft wurde, der ganze Stolz Brooklyns. In den Jahren zuvor verlor der Stadtteil den Navy Yard, unzählige Brauereiein kollabierten und der Mittelstand flüchtete in die Vororte. Die BAM-Lokalitäten wurden zeitweise fremdvermietet – an eine High School und an ein Judo-Studio(!). Da Brooklyn plötzlich als gefährlich galt, fehlte das Publikum. Trotzdem traten Künstler wie Pablo Casals, Igor Strawinsky, Rudolf Nurejev oder Eugene O'Neill auf, und dies oft vor halbleeren Rängen.
Das war selbst der Stadt zuviel. Mit der verbundenen Auflage, das Haus für die Zukunft neue zu positionieren, sorgte sie für den finanziellen Rückhalt. Als 1967 Harvey Lichtenstein zum BAM-Direktor ernannt wurde, veränderte sich das Credo. In Zukunft wollte man der städtischen Avantgarde den nötigen Platz verschaffen und Künstler mit Auftritten und Produktionen fördern, die andernorts kaum Chancen gehabt hätten. Zudem setzte man den Schwerpunkt auf modernen Tanz, einer Kunstform, die es damals schwer hatte, auf grosse Bühnen zu kommen. Und so erlebte The BAM, wie sich die Academy nun kurz nannte, eine Renaissance mit revolutionärer Kunst, die sich heute bereits wieder als das «Who is Who» lesen lässt: die Merce Cunningham Dance Company, das Alvin Ailey American Dance Theatre und Twyla Tharp revolutionierten den Tanz, Robert Wilson, Ingmar Bergman und Peter Brook mit bahnbrechenden Inszenierungen das Theater, Steve Reich und Philip Glass propagierten Minimal Music. Und später konnte man am selben Ort Leute wie Meredith Monk, Mark Morris und Laurie Anderson entdecken.
Seit 1983 gibt es das alljährliche «Next Wave» Festival, das weiterhin neue, spannende und anspruchsvolle Produktionen aus aller Welt zeigt. Viele Künstlerinnen und Künstler drücken The BAM ihre Dankbarkeit aus, indem sie immer wieder nach Brooklyn zurückkehren. Pina Bausch tat dies mit ihrem Tanztheater Wuppertal bis zu ihrem Tod, die Royal Shakespeare Company ist regelmässig Gast, die Comédie-Française ebenso. Und treu ihrem Motto «We bring the world to Brooklyn and Brooklyn to the world» findet regelmässig der Austausch mit anderen Kulturen statt. Mit dem Performing Arts Program for Young People werden seit einem halben Jahrhundert die Schülerinnen und Schüler New Yorks gefördert. Zudem besitzt The BAM seit 1987 mit dem «BAM Harvey» gleich gegenüber des Hauptgebäudes einen zweiten Theatersaal. 1998 wurde mit den «BAM Rose Cinemas» ein Multiplex-Kino für Studiofilme und filmische Retrospektiven eröffnet und ein Jahr später das «BAM Café», in dem Lesungen und Clubkonzerte stattfinden.
All dies und noch viel mehr, lässt sich im Jubiläumsbuch nachlesen und – vor allem – nachschauen: «BAM: The Complete Works» entzückt mit 350 qualitativ hochstehenden Fotografien und zahlreichen verbalen Würdigungen jener Leute, die die Geschichte dieses Hauses mitgeprägt haben, darunter Peter Brook, Akram Khan, Sam Mendes oder Meredith Monk.
Und die Zukunft ist ambitiös: mit einem neuen Theater und Ausbildungszentrum im Juni 2012 beginnt ein kontinuierlicher Ausbauprozess, mit dem The BAM sich für die stetig wandelnden Ansprüche an die kulturelle Vermittlung wappnet. Und damit es auch in Zukunft für einen künstlerisch anspruchsvollen New York Reisenden heisst: um Brooklyn kommt man nicht herum.
#-#SMALL#-##-#IMG2#-#Das Buch zum Jubiläum:
BAM: The Complete Works. Herausgegeben von Steven Serafin. Mit Beiträgen von u.a. Peter Brook, William Christie, Lin Hwai-min, Deborah Jowitt, Akram Khan, Sam Mendes, Meredith Monk. Quantuck Lane Press. 384 Seiten. 359 Abbildungen. Auflage: 3'500.
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