DOSSIER BRIAN WILSON: Dennis Wilson
Das Meisterwerk des schwarzen Schafs
Dank einer vorbildlich präsentierten Neuauflage kommt dem einzigen Solo-Album des einzigen Beach Boy, der surfen konnte – Drummer Dennis Wilson – rund dreissig Jahre nach dessen erstem Erscheinen endlich die Beachtung zu, die es immer verdient gehabt hätte.
Von Hanspeter Künzler
Wir schreiben den Januar des Jahres 1996. Die Beach Boys stecken einmal wieder in einer eher unglücklichen Schaffensphase, als ich die Einladung erhalte, Brian Wilson zu interviewen. Dieser befinde sich in London, um Werbung zu machen für eine neue Single-Version des Evergreens «Fun Fun Fun» – eingespielt gemeinsam mit den englischen Minimal-Boogie-Boys Status Quo. Leider ist dann Brian doch verhindert («Es gehe ihm nicht so gut», verrät die Plattenfirmendame). Dafür sind nebst Quo-Kopf Francis Rossi nun die Beach Boys Mike Love und Bruce Johnston präsent. Ersterer hat immerhin die Lyrics zu «Fun Fun Fun» geschrieben, letzterer war 1965 als Ersatz für den erkrankten Brian Wilson in die Tour-Kombo der Beach Boys aufgenommen worden (er löste in dieser Position den Rhinestone-Cowboy Glenn Campbell ab).
The Schwarze Boys
Das Gespräch mit Rossi, Johnston und Love nimmt einen ziemlich amüsanten und nicht immer politisch korrekten Verlauf. Johnston macht faule Sprüche über Girls und grosse Brüste, die Love eindeutig blöd findet. Love andererseits erklärt, dass man sich angesichts der derzeitigen Absenz der Beach Boys vom amerikanischen Radio mit dem Gedanken trage, Pillen zu schlucken, um die Hautfarbe zu wechseln und sich dann The Schwarze Boys zu nennen. Anderswo echauffierten sich die beiden darüber, dass die breite Öffentlichkeit – und vor allem die Musikkritiker – vor lauter Anhimmelung Richtung Brian gänzlich ausser Acht liessen, dass «Fun Fun Fun» und viele andere Songs ohne die Lyrics von Mike Love nie Hits geworden wären.
Zum Beispiel verriet Johnston, Brian habe «in die Stratosphäre hinaufsteigen» wollen mit einem Acapella-Intro für «I Get Around»: «Die Leute hätten das Radio ABGESTELLT! Mit dem Intro wäre ‹I Get Around› nie ein Hit geworden! Kein DJ hätte die Single gespielt! Es geht um den Texter – es gibt keine Songs ohne Text. Und dort – dort! – sitzt der Texter von den Beach Boys!» Nun erlaub ich es mir, den Redefluss mit der Bemerkung zu unterbrechen, alle Solo-Alben der diversen Beach Boys enthielten jeweils ein paar interessante Songs. Dann sage ich noch: «Mein liebstes Beach Boys-Solo-Album ist übrigens das von Dennis.» Auf diese vermeintlicherweise gänzlich unverfängliche Bemerkung hin lassen die Herren Love und Johnston ihre Kinnladen hinunterklappen wie im Cartoon. In der sekundenlangen Stille hört man ein Stäubchen auf der Kommode landen. Johnston fasst sich als erster. «Yeah», sagt er. Danach Love, so trocken wie säuerlich: «You know, jeder, der eine Band schätzt, hat halt seinen Favoriten in dieser Band.»
#-#IMG2#-#Allen Berichten zufolge waren die restlichen Beach Boys gar nicht happy, als ausgerechnet Drummer Dennis im Rennen am schnellsten war, der erste Beach Boy mit Solo-Album zu sein. «Pacific Ocean Blue» kam 1977 heraus und schlug das einige Monate vorher erschienene Beach Boys-Album «L.A. (Light Album)» in den amerikanischen Charts um glatte vier Ränge: die Boys zusammen schafften es auf Rang 100, Dennis allein auf Rang 96. Mike Love soll es ganz besonders hart getroffen haben, dass ausgerechnet der Aussenseiter in der Band diesen prestigemässigen Triumph gelandet hatte und dies seinen Kollegen offenbar bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb.
Ja, die archetypische Kalifornien-Band durchlebte gerade gar keine guten Zeiten. In der Tat ging es auch Dennis nicht sonderlich gut. Der einzige Beach Boy, dem man die Surf- und die Hot-Rod Pose je hätte abnehmen können, hatte all seine Energien fünfzehn Jahre lang konsequent in die Suche nach Sex, Drogen und Seelenrettung gesteckt. Das Sachregister in der definitiven Beach Boys-Biographie «Heroes and Villains» von Steven Gaines gibt einen guten Überblick über das Chaos, das in seinem Leben herrschte. Die Liste, die dem Namen Dennis Wilson folgt, fängt an mit «obsession with sex». Sie geht weiter mit «rivalry with Mike Love», «financial problems», «alcoholism», «expelled from school», «marriage to Carol», «affairs», «drug-taking», «the Maharishi», «Charles Manson» (Manson benutzte den leichtgläubigen Wilson als Einstieg ins Musikbusiness; er ermordete Sharon Tate in einem Haus, das zuvor von Wilson-Kumpel und gelegentlichen Beach Boys-Texter Terry Melcher bewohnt worden war – es gibt eine Theorie, wonach Manson es eigentlich auf Melcher abgesehen hatte), «marriage to Barbara», «marriage to Karen», «heroin addiction», «affair with Christine McVie», «cocain addiction», «fight with Mike Love», «affair with Shawn Love» (dies die 16jährige Tochter von Mike Love) und «marries Shawn». Zuletzt: «death» und «funeral». Am 4. Dezember 1983 war Dennis Wilson 39 Jahre alt geworden. Am 23. Dezember startete er einen letzten Detox-Versuch – er hielt es einen Tag lang aus. Am Weihnachtsabend wurde er von einem Freund von Shawn nach einem Streit um ein Telefon im Hotelzimmer arg verprügelt. Drei Tage später sprang er im Suff vom Boot eines Freundes aus in die Bucht von Marina Del Rey und ertrank.
«wildman drummer»
«Pacific Ocean Blue» markiert die einzige Phase im Leben des Dennis Wilson, in der dieser seine musikalischen Talente wirklich am Schopf packte. Mitte der 70er Jahre hatte er zusammen mit seinem Bruder Carl das «Brother Studio» aus dem Bandbesitz zurückgekauft. Aussenstehenden war nicht klar, warum Dennis ein Studio brauchte: ihm, dem klassischen, löwenmähnigen Surferboy und Lebemann reichte das Leben, er brauchte doch keine Kunst! Zu denen, die das anders sahen, gehörte Carmen Dragon, der in der Tour-Band der Beach Boys Keyboard spielte (und später eine Hälfte des Hit-Duos Captain & Tennille ausmachte). Dragon erinnert sich so: «Einmal stand ich während eines Soundchecks auf der Tribüne herum, da hörte ich von der Bühne herunter diese unglaubliche Sequenz von Klavier-Akkorden. Ich schaute hin und sah, dass es Dennis war. Ich war schockiert. Wie viele andere Leute, hatte ich ihn bis dahin nur als diesen ‹wildman drummer› gekannt. Ich wusste nicht einmal, dass er Klavier spielte. Ich fragte ihn, wer die Melodie komponiert hatte. Er sagte: Ich.» (zitiert im Begleitbüchlein der CD-Neuauflage von «Pacific Ocean Blue»). Am Anfang hatten die Beach Boys ihren nichtsnutzigen Bruder an die Drums gesetzt, weil es anders halt nicht ging. Während den ersten, glorios erfolgreichen Jahren der Beach Boys durfte er gerade mal ein einziges Stück zum Repertoire beitragen – eine Lapalie, genannt «Denny’s Drums».
Das änderte sich erst 1968. Der geisteskranke Brian war immer weniger imstande, mit brauchbaren Liedern aufzuwarten. Es war unausweichlich, dass die restlichen Beach Boys emsiger zur Komponierfeder greifen mussten. Da hörte man endlich auch Dennis zu. Mit «Friends» war er als Ko-Autor im März 1968 für einen ersten kleinen Hit mitverantwortlich. Auch die Alben «Friends», «20/20», «Sunflower» und «Holland» enthalten einige bemerkenswert eigenwillige Stücke von ihm. Sein stärkstes Frühwerk wurde allerdings auf die B-Seite der Single «Break Away» verbannt: «Celebrate The News» ist ein fulminanter Rocksong mit vertracktem Rhythmus, gewaltigem, gospelhaftem Refrain und einem Sound, als hätte sich Phil Spector an einem der düstereren Rolling Stones-Songs vergriffen. «Break Away», beziehungsweise eben «Celebrate The News», blieb im Juni 1969 auf Rang 63 hängen – aber es war der Wegweiser für den Sound, den Dennis Wilson sieben Jahre später zur Grundlage von «Pacific Ocean Blue» machte.
Eine Fülle an Details
Es ist, als sei durch eine Ritze im eigenen Studio ein Lichtstrahl in die Muse des Drummers gedrungen. Ihm bei der Arbeit zur Seite standen mit Gregg Jakobson und James William Guerco (der nebst frühen Chicago-Alben auch den New Yorker Strassenexzentriker Moondog produziert hatte) zwei äusserst sensible Helfer. Erstaunlicherweise aber spielte er, der am Klavier komponierte, die meisten Instrumente gleich selber ein. Die Reihe umfasst neben Keyboards und Schlagzeug auch Tuba, Bass-Mundharmonika, Marimba und Zither. Wer zufällig im Studio vorbeikam, half mit Stimmen und weiteren Instrumenten aus. Wilson habe nur spontan arbeiten können, berichten seine Mitarbeiter. Alles sei aus dem Gefühl des Momentes entstanden, Arrangements, Texte und auch der Gesang. Dabei war Wilsons Stimme zu diesem Zeitpunkt schon alles andere als eine Chorknabenstimme. Aber das gelegentliche Krächzen, das Schnauben und Schwitzen gehört zur Seele, dem «Soul» dieses wunderbaren Albums wie die elegischen Melodien und die – oft – erdbodentief traurigen Texte. Ein «Friday Night» wäre mit seiner Orgel selbst auf The Bands «Music from Big Pink» nicht fehl am Platz gewesen. Trotz oft geradezu haarsträubend dick aufgetragenem Sound – und einer Fülle an Details – wirkt das Album doch nie «grössenwahnsinnig» oder pompös. Highlights sind nebst dem gospel-rockigen «River Song» das leicht an Little Feat gemahnende Titelstück und die supertraurige Ballade «Farewell My Friend», die selbst Brian gut angestanden wäre. Auch die vier bisher unveröffentlichten Bonus Tracks trüben in keiner Weise das Bild eines Albums, das zum Feinsten gehört, was je aus der Küche der Wilsons gekommen ist.
Der kreative Höhenflug von Dennis Wilson hielt indes nicht lange an. Als das Studio wegen finanziellen Problemen verkauft werden musste, verlor Dennis den letzten Halt. Mit wechselndem Personal und schwindendem Enthusiasmus arbeitete er noch eine Weile da und dort an einem Nachfolgewerk, das nie veröffentlicht wurde und den Arbeitstitel «Bambu» (sic) trug. Die sechzehn Stücke von «Bambu», dazu noch einmal ein Bonus-Track, machen die zweite CD dieser von Gregg Jakobson überwachten, vortrefflich präsentierten Wiederveröffentlichung aus. Zusätzlich zu den CDs und einer Vielzahl von vielsagenden Fotos enthält die Packung zwei sorgfältige Essays über Person und Karriere von Dennis Wilson. Einer dieser Essays beginnt mit den Worten: «Nothing much was expected from Dennis Wilson.»
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