30. Dezember 2011

DOSSIER BRIAN WILSON: «Smile»

Das grosse, verkannte Werk der Popgeschichte

Das erste, was an «Smile» ins Ohr sticht, jetzt, 44 Jahre nach den Aufnahmen, ist die atemberaubende Brillanz von «Heroes & Villains». Das Stück knüpft vom Sound her dort an, wo «Good Vibrations» aufhörte und hätte damals auch die nächste Single werden sollen. Allerhand Verzögerungen, Streitereien und administrative Schwierigkeiten («Heroes & Villains» war die erste Single, die auf Brother Records erschien, dem neuen, eigenen Plattenlabel der Beach Boys) führten dazu, dass die musikalische Entwicklungslinie durch die Veröffentlichung einer anderen Single, des an eine Produktion von Phil Spector erinnernden «Then I Kissed Her», unterbrochen wurde. Danach klang «Heroes & Villains» mit seinen filigranen Gesangs- und Instrumentalarrangements wiederum völlig anders, das Publikum war verwirrt, wohl tatsächlich auch ein bisschen überfordert.

Die Single schaffte es in den USA nicht einmal in die Top 10, und selbst in Europa, wo man der Band noch die Stange hielt, als das amerikanische Publikum abzufallen begann, hielten sich die Charts-Ehren in Grenzen. Hier nun erstrahlt die Komposition endlich in ihrer vollen, grandiosen, remasterten Subtilität und nimmt damit endlich ihre Stellung ein, als eines der grossen, verkannten Meisterwerke der Popgeschichte. Der Eindruck, dass hier eine höhere kreative Kraft am Werk war, wird nur noch vertieft durch die Aufnahmen auf der zweiten CD in der Doppel-CD-Version der so lang verspäteten Veröffentlichung von «Smile»: Hier sind die Beach Boys während mehreren Teilaufnahmen für «Heroes & Villains» zu geniessen. Unter der ruhigen, bestimmten und keineswegs derangiert klingenden Führung von Brian Wilson, proben sie Gesangsparts und versuchen sich an deren Aufnahmen. «Heute genau vor einem Jahr waren wir in Japan», sagt völlig zusammenhangslos jemand. Die anderen bleiben einen Moment lang still – und singen sogleich weiter. Ein ander Mal ist im Hintergrund ein Haufen kichernder Girls zu vernehmen. «Girls, girls!», sagt jemand sehr freundlich, «it’s nice to have you here, but...» und dann wird weitergearbeitet als ob nichts wäre. Insbesondere bei diesen Aufnahmen wird klar, was am ansonsten keineswegs zu verachtenden Versuch von Brian Wilson vor sieben Jahren fehlte, «Smile» mit einer neuen Band neu einzuspielen: die Götterstimmen der Beach Boys, Brian, Carl und Dennis Wilson, Alan Jardine und Mike Love. 

«Smile» wäre ein brillantes Album gewesen – und ist es heute noch. Viele Lieder aus den Smile-Sessions sind auf anderen Beach Boys-Alben aufgetaucht. Allerdings klangen sie dann eher dünn, ja klirrend, und Songs wie «Vega-Tables» wirkten aus dem Zusammenhang gerissen wie Gimmicks, die man wohl für lustig befunden hätte, wenn man ebenfalls bis an die Schädeldecke zugedröhnt gewesen wäre. Hier nun aber stehen die Lieder in ihrem angestammten Zusammenhang, und auf einmal ist jeder Hauch von Blödelei verschwunden und hat sich in eine bis dahin nicht gerade wohlbekannten Nuance in der Arbeit der Beach Boys verwandelt, nämlich Humor. Der Sound ist nun rundum feist und dicht. Auf einmal hört man wirklich die Bass-Riffs von Carol Kaye, man hört die Jagdhörner, Vibraphone und Bass-Harmonikas, welche in ihrer eigenartigen Kombination den Wilson-Sound in dieser Phase prägten.

Das komplette Box-Set mit den fünf CDs, den zwei Vinyl-Alben und den Vinyl-Singles dürfte für den zufälligen Fan doch wohl ein allzu dicker Happen sein. Aber das 2-CD-Böxchen ist ein Klassiker ersten Grades, der das wegweisende «Pet Sounds» in punkto atemberaubenden Details, herrlichen Melodien und transzendentalen Gesangsharmonien eher noch übertrifft. Angefangen mit «Our Prayer», aufgehört mit dem orgasmischen «Good Vibrations», enthält das neue, alte «Smile» mit ein, zwei kleinen Änderungen und Ergänzungen die gleichen Lieder in gleicher Reihenfolge wie sie auf Wilsons Neueinspielung von 2004 zu hören waren. Dem folgen auf der ersten CD des 2-CD-Sets neun Outtakes aus dem Studio, endend mit «Brian Falls into a Piano», eine immerhin halbwegs ulkige Comedy-Einlage, bei der Brian ins Klavier gefallen sein soll und jetzt zwischen C und Cis hängengeblieben ist. Auf der zweiten CD dann sind weitere dreizehn Fragmente aus dem Studio zu hören. Zumeist steht Brian im Vordergrund, der Musikern und Stimmen Anweisungen gibt, sie vorspielen lässt, noch ein Detail korrigiert, nochmal vorspielen lässt, kommentiert, beruhigt, anfeuert, etc.

Solche Studio-Outtakes sind gewöhnlich kaum mehr als Kuriositäten, deren Reiz nach dem einen Anhören selbst für den Super-Fan erlischt. Nicht so hier. Brian und die Boys bei der Arbeit über die Schultern zu blicken, ist faszinierend und lehrreich zugleich. Hier erst geht uns auf, mit welch genialem Ohr Wilson einen organischen Gesamtsound hörte, der aus unzähligen Einzelteilen aufgebaut war und in seiner Komplexität wohl allein da steht in der Popgeschichte. Vor allem aber sind die Fragmente von Musik, die hier zu hören sind, keine abstrakten Klangblöcke, sondern schon so als Musik reizvoll genug, dass man sich auch diese zweite CD gern immer wieder anhört, so, wie man ein blendend schönes Mosaik immer wieder gern bewundert.

Hanspeter Künzler

 

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«Smile» (EMI) gibt es in folgenden Formaten: Doppel-CD, Vinyl sowie als Collector's Edition (5 CDs plus Vinyl und 7" Single).

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