30. Dezember 2011

DOSSIER BRIAN WILSON: Der lange Weg zu «Smile»

Das tragische Genie

Die Stellung der Beach Boys im Olymp der Rockgeschichte ist unbestritten. Aber wenn sie Brian Wilson nicht in den Rücken gefallen wären, wäre «Smile« und nicht «Sgt. Pepper» das Lehrbuch der nächsten Generationen geworden.

von Hanspeter Künzler
Brian Wilson / Foto: 2008 © James Minchin III

Die Beach Boys nehmen einen eigenartigen Platz in der Rockgeschichte ein. Man erinnert sich ihrer als die Band, die den Rock'n'Roll von Chuck Berry mit den Gesangsharmonien der Four Freshmen zusammenbrachte und euphorisch stimmende Refrains über California Girls, Surfin' USA und Barbara Ann kredenzten. Die Beach Boys schufen ein kalifornisches Pendant zum «Beat» der Beatles – nur waren sie zwei Jahre vor den englischen Pilzköpfen aus den Startlöchern geschossen. Man erinnert sich ihrer auch wegen «Good Vibrations», einem Lied, das den optimistischen Zeitgeist derart erhebend in Musik verpackte, dass darob kaum jemand bemerkte, wie ungeheuer innovativ diese 3 Minuten 39 Sekunden dauernde Himmelsmusik war. Vielleicht erinnert man sich der Beach Boys auch noch wegen «Pet Sounds», dem Album das wenige Monate vor «Good Vibrations» erschienen war und mit seinen kammermusikalischen Streicherarrangements andeutete, wohin die Muse des federführenden Beach Boy, Brian Wilson, führen sollte. 

Aber was kam dann - nach «Pet Sounds» und «Good Vibrations»? Es kamen im Juli 1967 die Beatles mit «Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band». Die Beatles machten kein Hehl daraus, dass sie mit diesem Werk die künstlerische Herausforderung annehmen wollten, welche die Beach Boys mit «Pet Sounds» gestellt hatten. Nun wäre die Reihe wieder an den Kaliforniern gewesen. Aber deren Muse schien – gegen aussen hin zumindest – versiegt zu sein. Die Wahrheit allerdings war eine andere. Einige Mitglieder der Beach Boys und auch ihre Plattenfirma waren zutiefst unglücklich über die Wende, die Brians künstlerischer Pfad mit «Pet Sounds» genommen hatte. Sie fanden, die neuesten Lieder und Klangexperimente, die er in der Zwischenzeit unter dem Tiel «Smile» geschaffen hatte, könnten dem Publikum - ganz zu schweigen von den eigenen Bank-Konti – endgültig nicht mehr zugemutet werden. Als nächstes bekamen die Beach Boys-Fans stattdessen ein halbbackenes, äusserst durchmischtes Lückenbüsseralbum zu hören: «Smiley Smile». Es warf zwar noch den Hit «Heroes And Villains» ab und enthielt auch «Good Vibrations», aber die künstlerische Entwicklung war damit gebrochen.

Jetzt, vierundvierzig Jahre später, werden endlich die Originalaufnahmen veröffentlicht, die Brian Wilson an der Seite des Texters Van Dyke Parks damals in filigraner Kleinstarbeit einspielte, während die restliche Band ihren Tournee-Verpflichtungen nachkam. Dem brillanten «Pet Sounds» wollte er ein noch brillanteres «Smile» nachschicken. Ein bisschen kann man die damalige Skepsis von einigen beteiligten Parteien wohl verstehen. Seit den frühesten Anfängen hatten weder die Plattenfirma noch Band-Manager Murry Wilson – Vater der Beach Boys-Brüder Brian, Dennis und Carl – noch gewisse Bandmitglieder selber daran geglaubt, dass der Surf-Boom länger als ein paar Monate andauern würde. Entsprechend gnadenlos hatte man alles daran gesetzt, den «Trend» finanziell auszubeuten. Von 1962 bis 1965 entstanden zwischen pausenlosen Tourneen zehn Alben, wobei die Hits meist aus der Feder von Brian Wilson stammten. 

1964, als die Beatles gerade «A Hard Day's Night» veröffentlicht hatten, zerbrach Brian am Stress. Es begann mit einem Nervenzusammenbruch, der ihm fortan immerhin die Tourneen ersparte, und mündete in einem dekadenlangen psychischen Dunkel. Die Entstehung von «Pet Sounds» und «Smile» fällt in die frühe Periode seiner Erkrankung. Als das «Smile»-Projekt offiziell eingestellt wurde, gab er sich ganz den Drogen hin, nicht aber den Therapeuten, die ihm vielleicht noch hätten helfen können; tragischerweise vertraute er sich später, als er sich doch noch behandeln liess, jahrelang einem Quacksalber an. Die restlichen Beach Boys suchten derweil desperat nach einer Identität, die abseits der Sandstrände Bestand haben konnte. Dabei gelangen ihnen weiterhin herrliche Alben wie «20/20», «Sunflower», «Holland» oder «Surf's Up». Es ist aber eine traurige Ironie, dass sich ihre bestverkaufte Single, «Kokomo», erst 1988 erschien und an eine Selbstparodie grenzte. Den unerwarteten Späterfolg nutzt die Band dazu, sich endgültig auf den Lorbeeren ihrer alten Schlager auszuruhen.

«Smile» wäre ein brillantes Album geworden, hätte man es damals fertiggestellt. Fans der subtilen, Post-«Pet Sounds»-Beach Boys wussten dies schon lang, denn viele Stücke aus den Smile-Sessions machten die Runde als Bootlegs und ein Teil der Lieder – «Heroes And Villains», «Cabin Essence», «Surf's Up» – tauchten auf späteren Beach Boys-Alben auf. Was wäre passiert, wenn Brian Wilson in seinem Schaffen mit «Smile» Bestätigung gefunden hätte? Er würde sich wohl an der Seite von Paul McCartney (der auf dem Smile-Track «Vega-Tables» laut Möhren kaut) mit elektronischer Experimentalmusik vergnügen. Oder er würde zu den tonangebenden Komponisten der Gegenwartsmusik gezählt. So aber sitzt er in einem Londoner Hotel und gibt Interviews anlässlich der Veröffentlichung der Originalaufnahmen von «Smile», 44 Jahre später. Unterdessen ist Wilson 69 Jahre alt, das Leben hat tiefe Spuren nicht nur in seinem Gesicht, auch in seiner Psyche hinterlassen. Man fühlt sich schäbig, ihn zum Reden zu zwingen. Er ist zwar freundlich und antwortet auf die meisten Fragen wie aus der Kanone geschossen mit einer knappen Wortsalve. Bald aber beschleicht einen das Gefühl, dass hier keine Antworten mehr kommen, nur noch Worte. 

Wie sah das Konzept aus, mit welchem sich Wilson und Parks damals an die Arbeit machten? «Wir wollten die Stimmung früher und mittlerer Americana kreieren», entgegnet er. "Jene der Western und Cartoons.» Welches war Ihr Lieblingscartoon? «Ich liebe sie alle.» Warum, so möchte man wissen, hält Wilson gerade jetzt den Zeitpunkt für gekommen, die Uraufnahmen von «Smile» zu veröffentlichen? «Weil die Musik ihrer Zeit voraus war. Die Leute hätten sie nicht verstanden. Sie mussten musikalisch 44 Jahre lang wachsen.» Wer sagte ihm, dass die Musik nicht verstanden worden wäre? «Van Dyke Parks sagte es. Er sagte: Es ist zu früh. Es ist zu drogenbezogen.» 

Eine Neuversion von «Smile», eingespielt mit jungen Musikern und vor sieben Jahren veröffentlicht, habe das Publikum darauf vorbereitet, die Originale schätzen zu können, meint Wilson. Die Hauptarbeit habe nun darin bestanden, aus 200 Stunden Liedern und Fetzen von Liedern die Musik auszusuchen, die wir nun in ihrer vollen Glorie hören dürfen. Warum wehrten sich (Lead-Sänger) Mike Love und einige andere Beach Boys so sehr gegen «Smile»? «Sie hielten die Musik für unangebracht.» Es ist traurig, sage ich: die Hälfte der Beach Boys-Mitglieder wussten nicht, wie gut sie waren. «Sie merkten es nicht», entgegnet Brian Wilson. «Sie merken es noch jetzt nicht, wie gut sie wirklich waren.» 

 

#-#SMALL#-#Wenn Sie die vollständige Abschrift des äusserst kurzen Interviews mit Brian Wilson lesen möchten, dann finden Sie dieses hier »

Zurück zu: Dossier Brian Wilson »

Brian Wilson – Official Website »

#-#SMALL#-#

 

» empfehlen:
das projekt hilfe/kontakt werbung datenschutz/agb impressum