31. Mai 2007

Interview mit Ryan Adams

«Solange die St. Louis Cardinals nichts dagegen haben…»

Ryan Adams ist der produktivste Singer/Songwriter der letzten Jahre. Auch das aktuelle – gemeinsam mit seiner Band The Cardinals eingespielte – Album «Easy Tiger» ist nur eine Momentaufnahme eines kreativen Werdeganges, der einzig durch die Gesetze des Marktes behindert wird. Ein Gespräch mit Adams, Gitarrist Neil Casal und Drummer Brad Pemberton über kreative Freiheit und den Drang, stilistische Grenzen zu durchbrechen.

Interview: Rudolf Amstutz
Ryan Adams. Bild: © Universal

(Dieses Interview erschien erstmals in TheTitle Nr. 5 / 31.5.2007)

Er hat die Attitüde eines wilden Rockers. Und dies, obwohl der Mann aus North Carolina stammt und mit Countrymusik aufgewachsen ist. Ryan Adams ist der Wildwuchs unter den Singer/Songwritern. Mit seiner Band Whiskeytown brachte er seine gegensätzlichen Vorlieben zwischen Rock, Folk und Country über drei Alben lang auf den Punkt, bevor das Gefüge auseinanderbrach und er fortan alleine nach adäquaten musikalischen Ideen fahndete. Der Durchbruch kam mit dem Album «Gold» (2001) und dem Hit «New York, New York». Das Album erschien am 25. September und die Single wurde nach 9/11 zur unerwarteten Hommage an seine Wahlheimat.

Während Ryan Adams lange auf seinen Alben nach einer klaren Identität rang und nach fast allen klang, die er als Musikfan selber verehrte, fand er 2005 endlich die erhofften Parameter, in denen er sich verwirklichen konnte. Nicht weniger als drei Alben veröffentlichte er in diesem Jahr: das Doppelalbum «Cold Roses» sowie «Jacksonville City Nights» und «29», mit welchen er gleichzeitig auch wieder eine feste Band präsentierte: The Cardinals.

Während ihn Elton John schlicht als Genie betitelte, nennt ihn Autor Stephen King den besten amerikanischen Singer/Songwriter seit Neil Young. Ryan Adams selbst sieht sich wohl eher als staunendes Kind in der bunten Welt der Musik, die in seinem Universum von Merle Haggard und Hank Williams über Black Sabbath und Slayer bis hin zu Jay-Z reicht.

Das Gespräch mit dem von Unternehmungslust strotzenden 33-Jährigen fand im Gramercy Park Hotel in New York statt. Ebenfalls anwesend: die beiden Bandmitglieder Neil Casal (Gitarre) und Brad Pemberton (Drums):

Sie haben im Jahr 2005 nicht weniger als drei Alben veröffentlicht. Letztes Jahr dann keines mehr. Und jetzt «Easy Tiger». Gibt es einen Grund für diese Unregelmässigkeit?

Ryan Adams: Eigentlich nicht. Nachdem wir letztes Jahr ausgiebig Konzerte gaben, nahmen wir eine Auszeit. Und danach gingen wir an die Arbeit für das neue Album. Und vielleicht sind wir tatsächlich erwachsener geworden. Wir nahmen uns die nötige Zeit für diese Platte, probierten aus, diskutierten, was wir wollen und in welche Richtung wir fortan gehen. Und jetzt sind wir an den Proben für die neue Tour. Wer hätte das gedacht, das wir mal proben würden (grinst). In dieser Phase gehen wir durch kleine Clubs und dann im Herbst wollen wir endlich mal eine richtig grosse Show auf die Beine stellen.

Dann waren die vorderen Alben eher von einem Instant-Charakter geprägt. Schreiben, aufnehmen, touren.

Ryan Adams: Äh...yeah (lächelt)

Brad Pemberton: Zuvor geschah bei uns alles simultan. Sämtliche Schritte wurden gleichzeitig ausgeführt.

Ging Ihnen dies oft zu schnell? Im Sinne von: da hätten wir ruhig eine Sekunde länger darüber nachdenken können.

Brad Pemberton: Nein, schnell hiess für uns nie flüchtig. Aber wir funktionierten nicht nach dem Schema: Album – Tournee – Album – Tournee. Beides geschah gleichzeitig und auf der Bühne spielten wir alle Songs, die da waren. Jetzt fokussieren wir uns auf die Songs von «Easy Tiger».

Jedes Album ist ja gewissermassen auch die Summe der vorhergehenden. «Easy Tiger» ist ungemein eklektisch. Da ist praktisch jede Facette von Ryan Adams drin, die es jemals gegeben hat. Die früheren Platten waren da doch stilistisch definierter. «Rock’n’Roll» war eher ein Rockalbum, «Cold Roses» lag eher im Country begründet.

Ryan Adams: Ich glaube, das liegt daran, dass auf der neuen Platte der Sound einer Band zu hören ist. Es ist weniger Ryan Adams und mehr The Cardinals. Ironischerweise steht nur mein Name auf dem Cover. Aber die Band bekam bei den Aufnahmen zu «Cold Roses» einen höheren Stellenwert. Das Doppelalbum besteht ja eigentlich aus zwei einzelnen Sessions, die praktisch live und in einem Zug eingespielt wurden. Und weil wir so früh fertig waren, hatten wir noch sieben Studiotage übrig. Und da entstand dann gleich durch die nächste Session das Album «Jacksonville City Nights». Das Studio lädt ein zum Jammen und deshalb ist das Aufnahmestudio für mich das zweitbeste Ding, gleich nach den Konzerten.

Dann sind Sie heute eher Teil eines Kollektivs denn ein einzelner Singer/Songwriter?

Ryan Adams: Genau. So wie sich die Band heute präsentiert, gibt es sie etwa seit eineinhalb Jahren. Und in dieser Zeit ist mein Songmaterial in den Besitz des Kollektivs übergegangen. Jeder trägt heute zum Sound bei und wir stecken im Moment in einer grossartigen Phase, in der musikalisch alles passieren kann. In keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, das Ganze könnte zusammenbrechen. Jetzt wollen wir auf diesem Pfad weitergehen. Nun besteht die Möglichkeit, grosse Ideen zu verwirklichen oder eine grosse Tournee auf die Beine zu stellen. Als Einzelner war es für mich kein Problem, heute ein neues Album einzuspielen und morgen die Songs in einem Club zu spielen. Aber das ist eigentlich trotz den Freiheiten musikalisch sehr beschränkt.

Neil Casal: Sie erwähnten all die verschiedenen Stile, die auf der Platte zu hören sind. Man muss dazu sagen, dass dies nicht bewusst geschehen ist. Das ist ein natürlicher Prozess. Es gibt Bands, die können einen Stil spielen, und den beherrschen sie meisterlich. Durch unsere individuelle Vergangenheit, sind bei uns all diese Spielarten kollektiv vereint. Wir sassen also nicht zusammen und beschlossen: so jetzt machen wir einen Song, der eher Richtung Rock geht.

Bob Dylan hat mal gesagt, die Songs seien alle schon in der Luft. Er brauche sie bloss einzufangen.

Ryan Adams: Klar sind die Ideen da, sie runterzubringen, das ist dann eben so eine Sache. Für mich ist Musik machen und Musik veröffentlichen, nichts weiter als ein Austausch von Ideen. Aber eine Platte zu veröffentlichen, ist eben auch eine Business-Situation, da ja nicht nur wir involviert sind. Man hat also eine Idee, wie so viele Menschen immer wieder gute Ideen haben. Aber dann braucht es Zeit, diese Idee auf einer emotionalen und persönlichen Ebene weiter zu verfolgen, um sie dann in eine Struktur zu bringen, bevor sie dann von der Plattenfirma vervielfältigt und weitergegeben wird. Da wird dann vieles zu einer zeitlichen Frage, weil irgendwann steht die Deadline fest. Ich habe auf jeden Fall nie genug Zeit, um allen Ideen, die ich habe, folgen zu können. Und ich liebe es, meinen Ideen zu folgen. Es ist einfach grossartig. Und ein Privileg dazu, ich meine, es gibt soviel Grau in dieser Welt und ich darf nichts weiter tun, als immer wieder die eine oder andere Farbe aufzuheben und inmitten dieses Grau zu werfen.

Auf «Easy Tiger» haben die Songs nicht nur verschiedene Stilansätze, sondern da werden oft auch in den einzelnen Songs Stilfragmente gleichzeitig ausgelotet.

Neil Casal: Wir sind ja nicht nur Musiker, sondern auch passionierte Hörer und angefressene Fans. Deshalb haben wir als Band ein ausgesprochen breites Kollektivwissen zu jeder Zeit präsent. Wir lieben eine alte Merle-Haggard-Platte genauso wie Punk und Metal. Wir kommen alle aus anderen Richtungen und jede einzelne Erfahrung fliesst dann ins Kollektiv ein.

Ryan Adams: Und geographisch gesprochen: unser Hardcore-Countryman, Jon Graboff an der Pedal Steel Gitarre, kommt aus Brooklyn. Das muss man sich erstmal vorstellen. Er kennt jeden einzelnen Bluegrass-Song dieses Planeten und kommt aus Brooklyn. Und ich komme aus North Carolina und träumte davon, bei Slayer spielen zu dürfen. Es geht in der Musik darum, Texte zu transportieren. Und manchmal gehen die Texte irgendwie nicht ab. Man muss ihnen einen bestimmten Flavour unterlegen, damit sie funktionieren. Die Stones haben dies zum Beispiel bei «Some Girls» auch gemacht. Da bricht man halt aus dem gewohnten Rahmen aus. Gut gemachte Übergänge gehören sowieso mit zum Grössten was es gibt. Wenn Du Black Sabbath und Merle Haggard zusammenbringen kannst – that’s the shit, man!

Neil Casal: Ryan Adams gehört ja zu den Furchtlosesten in dieser Hinsicht. Wie oft habe ich Leute schon entsetzt sagen hören: «Ja, aber das dürfen wir so nicht machen, das geht so nicht.» Bei uns schon. Die eine Sekunde Death Metal, die andere dann Jim Croce. Für uns ist so etwas okay.

Ryan Adams: Ich würde sogar sagen: Superokay ist das (grinst).

Brad Pemberton: Das Interessante ist ja, dass das Publikum diese Vielfalt akzeptiert und geniesst, während andere Musiker den Kopf schütteln. Du findest an unseren Konzerten das junge Metal-Publikum genauso wie das Ehepaar in den Fünfzigern, das Folkmusik liebt.

Ryan Adams: Damit man uns nicht falsch versteht. Wir klingen ja nicht wie Iron Maiden oder die Flying Burrito Brothers. Es ist mehr so, dass diese verschiedenen Aspekte und Haltungen tief in unserem eigenen Sound stecken.

Alle Türen stehen offen.

Ryan Adams: Genau. The Cardinals werden durch keine Hindernisse aufgehalten. Da müssten uns die Baseballer von den St. Louis Cardinals schon einen Brief schicken, um uns den Namen zu nehmen. Aber was ich an der momentanen Situation schätze, ist die Tatsache, dass meine Rolle zugunsten der anderen geschmälert wird. Es sind zwar meine Songs, aber im Kollektiv bin ich bloss Teil und kann auch mal einfach zusehen und zuhören, was mit meinem Material geschieht. Ich liebe es, an neuen mir bislang unbekannten Stilen oder Grooves zu arbeiten, um die Texte dann damit zu transportieren und gleichzeitig im Arbeitsprozess als Autor komplett hinter dem Werk zu verschwinden.

Im ersten Song «Goodnight Rose» hat es ein irritierendes Rhythmusmuster…

Ryan Adams: Ja, Brad macht so Sachen. Es ist so eine Art Stop-and-Go, als ob der Walzer nicht durchkommt. Das ist ein gutes Beispiel: solche Sachen gehören sich eigentlich nicht, aber sie klingen gut.

Zudem fällt auf, dass auf «Easy Tiger» die Songs sehr kurz sind, manchmal keine drei Minuten dauern. Obwohl Sie ein Lied beginnen, als hätten Sie alle Zeit der Welt.

Ryan Adams: Ich glaube, man sollte einen Song nicht überstrapazieren.

Neil Casal: Man kann auch zu selbstverliebt sein in einen Song. Weniger ist mehr. Und auf der Bühne bekommen diese Songs dann ihren Auslauf.

Ryan Adams: Eine Platte sollte nicht klingen wie sonntäglicher Sex mit der Liebe deines Lebens, der nicht enden will. Sondern eher wie das erste Aufeinandertreffen, da, wo es dich wie ein Blitz trifft. Peng! Deshalb dauert die Platte auch keine vierzig Minuten.

Und auf der Bühne lassen Sie dann hören, wie es mit dieser Beziehung weitergeht.

Brad Pemberton: Genau. Wir loten den Song aus. Wir spielen ein und denselben Song Abend für Abend immer anders. Ein Rocksong kann dann plötzlich eher akustisch klingen oder umgekehrt.

Neil Casal: Es gibt auf «Easy Tiger» Songs, die haben keine Drums und keinen Bass. Die verändern sich mit der vollen Besetzung unweigerlich.

Platten wie «Cold Roses» oder «29» haben einem jüngeren urbanen Publikum, das Ryan Adams durch Alben wie «Gold» oder «Rock’n’Roll» kennenlernte, überhaupt erst Folk und Country nähergebracht. Das wäre früher undenkbar gewesen und heute findet die Jugend diesen Sound cool.

Neil Casal: Es gibt doch nichts Schöneres als bei Leuten die Lust an der Musik zu wecken. Egal welchen Stils. Und Ryan hat es tatsächlich geschafft, dass ein junges Publikum sich plötzlich für Country interessiert.

Damit ist schon viel erreicht. Gibt es noch andere Dinge, die zu erreichen, ein grosser Traum wäre?

Ryan Adams: Dass The Cardinals das grösste Ding werden, das es gibt. Ausser – ich muss es wiederholen – die St. Louis Cardinals hätten da was dagegen. (lacht). Nein, im Ernst. Ich liebe es in dieser Band zu spielen, es gibt für mich nichts Grösseres.

Man könnte die kommende Tournee vollständig auf Platte dokumentieren, so wie dies Pearl Jam gemacht haben. Damit würde der künstlerische Prozess nachvollziehbar.

Ryan Adams: Das wäre grossartig, aber es wird nicht passieren. Und wieso nicht? Weil irgendeiner irgendwo im ganzen Businessprozess beschliesst, dass dies niemanden interessiert. Es mögen nicht alle so exzessiv wie ich sein und das ist okay. Andere veröffentlichen alle drei Jahre ein Album und finden das die oberste Grenze. Das sind keine faulen Kerle, das ist ihr Rhythmus. Für ein neues Album von Jay-Z bin ich bereit zehn Jahre zu warten. He is the Man! Das Musikbusiness sollte man aufziehen wie eine Autobahn. Drei Spuren für all jene, die gemässigt fahren und dann eine Hochgeschwindigkeitsspur für Leute wie uns, die unsere Alben als eine Sammlung von Ideen betrachten, als Momentaufnahmen. Und morgen wollen wir mit der nächsten Idee antanzen. Es sollte für alle Platz haben. So wie es für alle Platten Platz haben sollte. Zum Beispiel Black Sabbath, die haben nicht nur Grossartiges zustande gebracht, aber dennoch besitze ich all ihre Alben. Ich will sie hören können, ich will die Spur, die sie auf der Autobahn befahren haben, nachvollziehen können. Weshalb schütteln Leute den Kopf, wenn einer acht Stunden lang am Wasser steht und versucht Fische zu fangen? Lasst ihn. Er liebt es. Und wir lieben, was wir tun. Man sollte nicht dafür betraft werden, wenn man seine Arbeit schneller erledigt als andere. Aber genauso funktioniert das Business. Jackson Pollock hat «Mural» in einer Nacht gemalt – ein majestätisches Gemälde mit einer unglaublichen Tiefe und zeitlichen Ebene. Wir werden alle mal sterben, und wenn man sich nicht an uns erinnert, dann vielleicht an unsere Ideen. Weshalb also Kreativität einsperren, statt ihr freien Lauf zu lassen?

Solange die St. Louis Cardinals nichts einzuwenden haben…

Ryan Adams: Genau. Sag ich doch.

 

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«Easy Tiger» (Universal)

 

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