«Where The Wild Things Are» von Spike Jonze
Im Zauberland der eigenen Erkenntnis
«Where The Wild Things Are» vereint die Magie der Buchvorlage von Maurice Sendak mit der Vision des Regisseurs Spike Jonze. Von der Idee bis zur Realisierung dauerte es fast ein Jahrzehnt, doch nun ist die Verfilmung eines der bekanntesten und beliebtesten Kinderbücher Amerikas endlich auf der Leinwand zu sehen: «Where The Wild Things Are» vereint die Magie der Buchvorlage von Maurice Sendak mit der ganz und gar eigenwilligen Vision des Regisseurs Spike Jonze zu einem Film voller Poesie und Tiefgang jenseits der handelsüblichen Adaptionen.
Von Rudolf Amstutz
(Diese Filmkritik erschien erstmals in TheTitle Nr. 28 vom 21.12.2009)
Lange wollte er von einer Verfilmung seines Werkes nichts wissen: Maurice Sendak, mittlerweile 81jährig, hält nichts von Kinderbüchern, und schon gar nichts von deren Verfilmungen: «Sie sind alle vulgär. Wie Madonna», soll er gesagt haben. Sendak, der als Dekorateur bei FAO Schwartz in New York, der Welt grösstem Spielzeugladen, seine berufliche Karriere begann, hatte es bald einmal satt, sich an seinem Arbeitsort mit Kinderbüchern konfrontiert zu sehen, die die Welt blütenweiss darstellten oder die das Gute und das Böse als rein oberflächliche Schwarz-Weiss- Betrachtung schilderten. Als er 1963 «Where The Wild Things Are» veröffentlichte, wurde das Buch von den Kritikern brutal verrissen. Die Bilder seien zu dunkel und überhaupt, sei so etwas Kindern nicht zuzumuten.
Erst später erkannte man die psychoanalytische Dimension hinter der in einfachen Bildern und knappen Sätzen erzählten Geschichte von Max, der mit seinem Wolfskostüm bekleidet Unfug treibt, und deshalb von seiner Mutter zur Strafe ohne Abendessen aufs Zimmer geschickt wird. Dort flüchtet Max in seine eigene Fantasiewelt, an einen Ort, wo die Wilden Kerle wohnen. Diese Wesen küren Max zu ihrem König und der Junge scheint ob der neugefundenen Freiheit glücklich. Doch am Ende entpuppt sich sein neues Reich nicht so wie vorgestellt und Max plagt das Heimweh.
18 Bilder und zehn Sätze
Diese Geschichte wird in 18 Bildern und nur zehn Sätzen erzählt, und doch ist «Where The Wild Things Are» nicht nur das bekannteste, sondern auch das beliebteste Kinderbuch aller Zeiten in den USA geworden. Selbst Erwachsene schwärmen von diesem Kleinod, das sich in jedem Alter lesen lässt und immer wieder neue Seiten offenbart.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Hollywood schon seit Jahren in den Startlöchern war, um dieses Werk endlich auf die Leinwand zu bringen. Doch Sendak willigte nie ein. Erst als er Spike Jonze kennenlernte, war der alte Meister Feuer und Flamme. Damals hatte Jonze noch keinen Spielfilm vorzuweisen. Er hatte sich einen Namen als Videoclip-Regisseur gemacht, etwa für Björk und Fatboy Slim. Das MoMA in New York präsentierte zu seinem 40. Geburtstag dieses Jahr eine Retrospektive seiner musikalischen Videos und ehrte damit einen Vertreter der ersten Generation von Regisseuren, die nicht den handelsüblichen Karriereweg eingeschlagen hatten. Jonze hat nie eine Filmschule besucht und er bezog sein Wissen auch nicht aus Klassikern, sondern liess sich gemäss eigenen Worten von «Star Wars» inspirieren.
#-#IMG2#-#Diese Unverbrauchtheit und die unbändige Fantasie, die er dann auch in seinen Filmen «Being John Malkovich» und «Adaptation» offenbarte, waren wohl die Gründe, weshalb sich Sendak für den jungen Jonze einsetzte. Um aus der kurzen Geschichte ein abendfüllendes Drehbuch zu gestalten, wurde der ebenfalls junge Dave Eggers hinzugezogen, der sich mit Romanen wie «What Is The What» (unter dem Titel «Weit gegangen» auf deutsch erschienen), Reportagen wie «Zeitoun» oder der Herausgabe der Literaturzeitschrift «McSweeney’s» einen Namen gemacht hatte.
Die Frage war bloss, wie lange Warner Bros. als produzierendes Filmstudio, das sich einen Blockbuster-Familienfilm vorgestellt hatte, dem unbändigen Treiben der beiden jungen Wilden zusehen würde. Als dann nach ersten Tests die Geldgeber das Resultat als «zu schräg» und «zu furchterregend» einstuften, drohte das Projekt zu platzen. Im Internet gab es Hunderte von Fans, die das Projekt verfolgten und in Foren geharnischte Kommentare Richtung Studio deponierten: Man solle eine grossartige Vorlage nicht in etwas Banales verwandeln. Andere skandierten: «Trust Jonze!» oder «Jonze is an artist».
Und so – fast wie im Märchen – ist sie nun also da, die Verfilmung von Sendaks Klassiker in den Bildern Jonzes und in den Worten Eggers. Und «Where The Wild Things Are» ist tatsächlich anders, als alles, was man sich unter einer Adaption eines Kinderbuches vorstellen würde. Der Film ist zauberhaft, herzzerreissend, poetisch, manchmal naiv und doch in seinem Inhalt unendlich komplex.
Die Szenen von Max (ein wunderbar unverbrauchter Max Records) und seiner Mutter (Catherine Keener) sind mit Handkamera gefilmt, was dem 100 Millionen Dollar teuren Film den erfrischenden Anstrich eines kleinen Independent-Movies verleiht. Als Max ausrastet, weil die Mutter mehr Zeit mit ihrem Freund (Mark Ruffalo) verbringt, flüchtet er an einen See und segelt ins Reich der Wilden Kerle. Und obwohl die Filmgeschichte reich an faszinierend dargestellten Fabelwesen ist, etwas Vergleichbares zu diesen von Jonze geschaffenen pelzigen «Monster» gibt es nicht. Eine Mischung aus übergestreiften Kostümen und hochkomplexen Spezialeffekten schafft bei der Darstellung der Wesen eine eigentümliche, fast hypnotische Ambivalenz. So drollig die Wilden Kerle auch erscheinen: die sozialen Spannungen innerhalb des Gefüges, die wortgewandten Dialoge, das Misstrauen gegenüber dem jungen Max – all dies macht aus der Fantasiewelt ein kompromissloses Abbild der Realität, aus der Max eigentlich entfliehen wollte.
Die Kontrolle, die Max als Schöpfer seiner eigenen Fantasiewelt ausübt, schwindet unter den Spannungen zwischen den einzelnen Wesen, deren Menschlichkeit noch mit den Stimmen von James Gandolfini, Chris Cooper oder Forest Whitaker verstärkt wird. In jeder Sekunde, die der Junge in dieser Welt verbringt, ist der Grad zwischem purem kindlichen Spass und unkontrollierter Aggression äusserst schmal. In der Filmversion ist es nicht nur einzig die Sehnsucht nach seiner Mutter, die ihn wieder nach Hause bringt, sondern auch die Erkenntnis, dass sich in der Fantasie nichts weiter als das wahre Leben widerspiegelt.
«Where The Wild Things Are» mag zwar kein Kinderfilm sein, dafür ist er in der Tat zu komplex geraten. Doch in seiner Poesie, in seiner bildnerischen Kraft und seiner unendlichen Liebe zum Detail ist er ein Film geworden für alle Menschen, die in sich selbst das Kind noch nicht verloren haben.
#-#IMG3#-##-#SMALL#-#«Where The Wild Things Are» (USA 2009). Regie: Spike Jonze. Drehbuch: Spike Jonze und Dave Eggers, basierend auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Maurice Sendak. Mit: Max Records (Max), Catherine Keener (Mom), Mark Ruffalo (Boyfriend), Lauren Ambrose (KW), Chris Cooper (Douglas), James Gandolfini (Carol), Catherine O’Hara (Judith), Forest Whitaker (Ira), Paul Dano (Alexander) und Pepita Emmerichs (Claire).
Webseite »#-#SMALL#-#