21. Dezember 2009

Vom Lesen danach

«Ich habe nicht viel Zeit, ich sterbe»

Hugo Loetscher, Robert Bolaño oder David Foster Wallace: aktuelle Bestseller oder der Tod als Karrieresprung für Literaten. Was haben Franz Kafka und der Chilene Roberto Bolaño gemeinsam? Erst dank ihren postum veröffentlichten Werken erklommen sie den Literatur- Olymp. Der Tod entpuppt sich immer mehr als Karrieresprung für Literaten: Hugo Loetscher landete einen Bestseller, David Foster Wallace ist zum Kultautor geworden und Vladimir Nabokov ist auch wieder im Gespräch.

von Claudio Habicht
Kafkas Grab in Prag

Die Frage muss sich wohl jeder Schriftsteller stellen, spätestens auf dem Sterbebett: Was geschieht mit meinem Nachlass? Nicht alle nehmen es dabei so locker wie der amerikanische Autor Richard Ford. «Ich schreibe für die Menschen, die heute am Leben sind. Über das, was nach meinem Abgang geschieht, mache ich mir keine Gedanken», sagte er vor zwei Jahren in einem Interview. Auch wenn Ford damit kokettiert – für Schriftsteller ist dies zweifellos die gesündeste Einstellung dem eigenen Nachlass gegenüber. Zwar haben Autoren juristisch gesehen das Recht, über das Schicksal ihres Werkes zu entscheiden. Oftmals urteilt die Geschichte aber anders, wie das Beispiel Franz Kafka deutlich zeigt. Kafkas Vermächtnis wurde – gegen seinen Willen – postum veröffentlicht.

Bevor Kafka 1924 an Tuberkulose starb, hatte er seinem Freund Max Brod unveröffentlichte Manuskripte überreicht. Er wünschte, dass diese nach seinem Tod verbrannt werden. Brod hielt sich jedoch nicht an die letzte Bitte und veröffentlichte die Werke, darunter die unvollendeten Romane «Der Prozess» und «Das Schloss». Zum Glück, ohne Brods eigenwilliges Handeln wäre die Literaturgeschichte um einige Meisterwerke ärmer. Eine negative Begleiterscheinung ist jedoch, dass der Fall Kafka bis heute die Gerichte beschäftigt: Brod, der 1939 vor den Nazis nach Israel floh, vermachte den Nachlass seiner Sekretärin Ester Hoffe. Als diese vor zwei Jahren starb, haben ihre Töchter das Konvolut geerbt. Nun möchten sie es an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach verkaufen, was die israelische Nationalbibliothek jedoch nicht akzeptieren will und Einspruch erhoben hat. Ein hässlicher Streit, den Kafka wohl verabscheut hätte.

Dass es letztlich der Literaturbetrieb ist, der über Veröffentlichung und Nicht-Veröffentlichung unpublizierter Werke entscheidet, zeigt auch die Geschichte des Nachlasses von Vladimir Nabokov. Mehr als 30 Jahre nach dem Tod des «Lolita»-Autors kam im November der Text «Das Modell für Laura» in die Buchläden. Wie Max Brod foutierte sich Nabokovs Sohn Dmitri um die Anweisung, die Romanfragmente zu zerstören – was der Rowohlt Verlag, der das Buch herausgibt, prompt für sein Marketing nutzt: Geschickt wird der Eigensinn von Nabokovs Sohn und Max Brod auf eine Linie gestellt und die Vorstellung, dass diese den letzten Willen der beiden Autoren erfüllt hätten, als «ziemlich kafkaesk» abgetan.??Diese Eingriffe zugunsten der Literatur gibt es nicht erst seit Kafka, bereits in der römischen Antike wurde über den Nachlass von Autoren verfügt. So verbot Kaiser Augustus, dass die Schriftrollen der «Aeneis» vernichtet werden, wie es der sterbende Vergil gewünscht hatte. ??Heute haben es die Autoren da besser: Sie können ihren Nachlass öffentlichen Archiven oder Bibliotheken vermachen. Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki tat dies bereits zu Lebzeiten, um allfälligen Streitereien um sein Vermächtnis vorzubeugen. Offenbar ist dies eine Notwendigkeit im heutigen Literaturbetrieb, der wie jeder andere Wirtschaftszweig auch den Gesetzen des freien Markts unterworfen ist – und beim Marktwert unveröffentlichter Werke oder Briefwechseln bekannter Schriftsteller die Kassen klingeln hört. Über diese Mechanismen kann man sagen, was man will; sie haben auch ihr Gutes: Die Leser sind die Gewinner. Sie können letztlich als Käufer honorieren, ob es richtig ist, Nabokovs oder sonst wessen letzten Roman auszugraben.

Die Literaturtheoretiker haben dies schon längst begriffen. Der Autor besitzt nicht, was er schreibt, lautet ihr Credo. Stirbt ein Schriftsteller, wird dieser Fakt noch um ein Vielfaches potenziert, landet die Deutungshoheit doch endgültig bei den Erben und Verlagen, Literaturkritikern und Lesern. Erst der Promotionsfaktor Tod macht Werke zu literarischen Vermächtnissen, zu Visitenkarten der verstorbenen Literaten. ??Postume Veröffentlichungen stossen dabei auf ein besonders grosses Interesse, vor allem, wenn der Autor während oder kurz nach dem Niederschreiben stirbt (was allerdings kein Gütesiegel für ein Werk sein muss). «Ich habe nicht viel Zeit, ich sterbe», schreibt beispielsweise der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño in seinem Monumentalwerk «2666», das sechs Jahre nach seinem Tod auf Deutsch erschienen ist und zum Bestseller avancierte. Die Krankheit siegte, Bolaño konnte den Roman nicht ganz zu Ende schreiben; das weckt bei den Lesern die Neugierde am Tod. Dasselbe mit Hugo Loetschers literarischem Vermächtnis: Die autobiographischen Aufzeichnungen «War meine Zeit meine Zeit», erschienen drei Tage nach seinem Tod – und mussten bereits nachgedruckt werden, so gross war die Nachfrage. Das literarische Geschäft mit dem Tod läuft, ist man geneigt zu sagen.

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