5. Februar 2008

Bücher von und über Woody Allen

Selbstkritik, Witz und immer wieder Ingmar Bergman

Wenn Woody Allens Filme – wie sein jüngster Film «Cassandra’s Dream» – nicht mehr einen Platz in den deutschen Kinos finden, dann bleibt nur noch das Warten auf die DVD-Veröffentlichung. Bis dahin gibt es allerdings viel Lesestoff: unter dem Titel «Pure Anarchie» sind neue Geschichten von Woody Allen auf deutsch erschienen. Zudem hat Eric Lax eine wunderbare und informative Sammlung von Gesprächen mit dem New Yorker Regisseur veröffentlicht.

Woody Allen Foto: © Kein & Aber

(Dieser Beitrag erschien erstmals in TheTitle Nr. 11 / 5.2.2008)

 

#-#QUOTE#-#«Ich bin wirklich erleichtert, dass sich das Universum endlich erklären lässt. Ich dachte schon, das Problem läge bei mir.» aus «K.O. der Stringtheorie»#-#QUOTE#-#

 

38 Jahre Jahre lang war es ein Ritual. Alle Jahre wieder war er da, der neue Film von Woody Allen. Man konnte beinahe die Uhr danach richten. Und jetzt dies: der deutsche Verleiher Constantin Film, der sich die Rechte am jüngsten Werk «Cassandra’s Dream» gesichert hatte, verzichtete auf einen Kinostart. Die DVD soll es richten, was Kinoverleiher aus kommerziellen Gründen nicht mehr mögen: Filme zu lancieren, die schon in der Prognose nicht die erwarteten Gewinne bringen.

Wenn der Verleiher bockt, hat selbst das kleine Studiokino um die Ecke keine Chance mehr. Und weil «Match Point» und «Scoop», die beiden letzten Filme von Allen bereits in der Abrechnung als Minderheitsprogramm abgebucht wurden, ist nun «Cassandra’s Dream» endgültig an den Anforderungen der freien Marktwirtschaft gescheitert. Dass sich der Filmemacher mit dem in England gedrehten Thriller bereits wieder der Komödie verweigerte, lässt den Schluss zu, dass das Schubladendenken in den obersten Etagen der Verleiher auch seinen Teil zum Verzicht beigetragen hat.

Glücklicherweise lässt sich die Durststrecke zurzeit mit Lesestoff überwinden. In den USA ist «Conversations with Woody Allen» erschienen. Der Autor und Allen-Biograph Eric Lax kennt sein Studiensubjekt seit seinen Anfängen als Stand-up-Comedian und hat ihn über die Jahre regelmässig getroffen, um sich mit ihm über sein Werk zu unterhalten. Das Buch erinnert an andere grosse Interviewsammlungen mit Filmemachern, so an die Gespräche zwischen François Truffaut und Alfred Hitchcock, oder an jene zwischen Peter Bogdanovich und Orson Welles. Nur hat Lax nun seine oft tagelang dauernden Diskussionen mit Allen nicht chronologisch geordnet, sondern thematisch in der Reihenfolge des Arbeitsprozesses.

Woody Allen offenbart dabei erstaunliche Einblicke in seine Arbeit. Über die Art wie er Ideen sammelt, wie er schreibt, über den kreativen Dialog mit Diane Keaton oder Mia Farrow und über seine Liebe zum Jazz, den er meist als Filmmusik verwendet und den er als Klarinettist jeden Montag im New Yorker Carlyle-Hotel selbst zelebriert.

#-#QUOTE#-#«Woher haben sie meine Telefonnummer?», erkundigte ich mich. «Sie ist geheim.»
«Aus dem Internet. Da findet sie sich neben den Aufnahmen von Ihrer Darmspiegelung.»
 aus «Lohnschreiber»#-#QUOTE#-#

Es ist eine spannende Reise, die sich anhand dieser Dialoge nachvollziehen lässt. Man lernt den jüdischen Hypochonder aus Brooklyn, der bis heute mit einer fast manischen Selbstkritik zurechtkommen muss, ebenso kennen, wie den fokussierten Filmemacher, der bis ins letzte Detail weiss, was er beabsichtigt. Woody Allens Universum besteht aus den Eckpfeilern Bob Hope und Ingmar Bergman und dieses Wechselspiel zwischen ur-amerikanischer Unterhaltung und europäischem Intellekt hat ihn zum typischsten Vertreter jenes Geisteszustandes gemacht, der sich in seiner Heimatstadt New York wie sonst nirgendwo sonst am eindrücklichsten manifestiert.

«The Purple Rose Of Cairo», «Match Point» und «Husbands And Wives» sind übrigens die Filme, die Woody Allen am liebsten mag. Er verteidigt aber auch «Manhattan Murder Mystery» oder zeigt Entäuschung darüber, dass «Hollywood Ending» nicht als «erstklassige Komödie» erkannt worden ist. Und über die kontinuierliche Abnahme seines Publikums über die Jahre, meint er in gewohnter Selbstkritik: «Ich war es, der das Publikum verlassen hat.»

Wie ein Mann, der seit über drei Jahrzehnten stets gleichzeitig mit drei Filmprojekten beschäftigt ist (Schreiben, Produktion, Post-Produktion), um den jährlichen Rhythmus aufrecht zu erhalten, daneben noch zum Schreiben von Kurzgeschichten kommt, bleibt ein Rätsel. Woody Allen ist ein Arbeitstier, gesegnet mit unendlichen Ideen und virtuosem Witz – beides kann er in seinen Prosatexten ausleben.

«Mere Anarchy», zu deutsch: «Pure Anarchie» versammelt nun die jüngsten Arbeiten, die meist zuerst in der Wochenzeitschrift «The New Yorker» erschienen sind. Oft ist ihnen eine Kurznachricht aus einer Tageszeitung vorangestellt, um zu veranschaulichen, welch oft banale Meldungen Woody Allen zu diesen grandios komischen Achterbahnfahrten inspiriert haben. So macht er sich als Privatdetektiv auf die Jagd nach einem weissen Trüffel, der bei Sotheby’s versteigert werden soll oder lässt sich in einen wilden Briefwechsel mit einem Ferienlagerbetreiber ein, der den Genius seines Jünglings nicht erkannt hat. Er verpackt das triste Dasein eines untalentierten Schauspielers mit Grössenwahn in eine bissige Satire über das Filmgeschäft und er zeigt sich immer wieder mal gern als eine Humphrey-Bogart-Variante, deren Einschätzung in Sachen Wirkung auf das weibliche Geschlecht partout von den Frauen nicht geteilt wird.

«Sie müssen mir helfen» säuselte sie, und ihre schwarze Seidenstrumpfhose kannte kein Pardon, als sie die Beine übereinanderschlug.
«Ich bin ganz Ohr», sagte ich, überzeugt, dass die sexuelle Ironie in meinem Tonfall ihr nicht entging.

aus «Wieviel Trüffeln braucht der Mensch?»



Mit diesen Geschichten und den gesammelten «Conversations» lässt sich nicht nur bis zur DVD-Veröffentlichung von «Cassandra’s Dream» bestens leben, sondern noch weit darüber hinaus…


Bücher von und über Woody Allen:

#-#SMALL#-##-#IMG2#-#Woody Allen. Pure Anarchie. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutsch. Kein & Aber. 192 Seiten. € 17,90 / CHF 29,90

Eric Lax. Conversations with Woody Allen. Scribner New York. 416 Seiten. $ 30,00.

Woody Allen. Alles von Allen (Storys, Szenen, Parodien). Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. rororo Taschenbuch. 512 Seiten. € 9,95 / CHF 18,60

Woody Allen. Das Beste von Allen. Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. rororo Taschenbuch. 128 Seiten. € 5,00 / CHF 9,50

 

Links:

Verlag kein & aber »

 

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