13. September 2011

Museum Tinguely Basel

Das Automobil – die grosse Muse

Die Kunst reflektiert das Leben. Und weil von unserem Alltag seit 125 Jahren das Auto in all seinen Facetten nicht mehr wegzudenken ist, taucht es in der Kunst denn auch immer wieder auf. Mit «Fetisch Auto – Ich fahre, also bin ich» präsentiert nun das Museum Tinguely in Basel eine eindrucksvolle Ausstellung über des Menschen begehrtestes Objekt.

von Rudolf Amstutz
Horst H. Baumann: «Jim Clark, Grosser Preis von England, 1963» Bild: © Museum Tinguely

Als vor 125 Jahren das erste Automobil bei Benz-Patentmotorwagen vom Stapel lief, konnte sich wohl keiner, nicht einmal der Erfinder selbst, jene Entwicklung ausmalen, die der erste Wagen, der nicht von Pferden gezogen wurde, auslösen würde. Das Auto hat den Menschen verändert, seine Sicht der Welt. Es hat uns Möglichkeiten eröffnet, die zuvor unmöglich erschienen. Die individuelle Mobilität prägt seitdem unser Denken und unser Handeln, weil das B vom A nun nicht mehr endlos entfernt ist und wir es im besten Falle bequem auf zweispurig gelegten Bahnen jederzeit in Windeseile erreichen können.

Doch das Auto ist längst mehr als Fortbewegungsmittel: es ist Ausdruck unseres Wesens geworden. Sag mir, welchen Wagen Du fährst und ich sage Dir, wer Du bist. Wir können uns aus dem Katalog unserer fahrenden Träume unser Ich zusammenbasteln. Dem Rest der Welt zeigen, wer wir sind. Eitel, stolz und draufgängerisch. Oder aber rücksichtsvoll, vernünftig, sparsam. Die Werbung hat aus den unzähligen Marken dieser Welt exakt definierte Charaktere gemacht. Der Solide fährt Volvo, der Sportliche BMW, der Freigeist Citroën. Jedes Kind weiss mittlerweile, dass es einen Unterschied macht, ob man mit einem Ferrari, einem Porsche oder aber einem Aston Martin in vier Sekunden auf 100 beschleunigt. Unser Auto ist unsere Botschaft an die Mitmenschen, unser fahrbares Wohnzimmer und unser Verbündeter.

Dieser tiefgreifenden Emotionalität konnte die Kunst zwangsläufig nicht widerstehen. Das beste Beispiel dafür ist Jean Tinguely, der sich in seinem Werk ein Leben lang mit dem Bewegten beschäftigte und sich privat dem Rausch der Geschwindigkeit nicht entziehen konnte. Seine Sammlung von Ferraris ist ebenso legendär wie die Unfälle, die er in regelmässiger Folge produzierte. Und zu Jo Siffert, dem anderen grossen Freiburger, verband ihn eine innige, fast brüderliche Beziehung.

Es ist also nur logisch, dass man eine Kunstausstellung, die sich ums Thema Auto dreht, im Basler Tinguely-Museum präsentiert. Dort, wo ansonsten Tinguelys Maschinen rattern und quietschen und sich unentwegt bewegen. «Fetisch Auto – Ich fahre, also bin ich» zeigt, wie intensiv sich die Kunst in den letzten hundert Jahren mit dem Auto auseinandersetzte und in welcher vielfältigen Art das Auto als Muse die Künstlerinnen und Künstler inspiriert hat.

Unter der Leitung von Roland Wetzel, Museumsdirektor und Kurator der Ausstellung, ist eine ungemein dichte und abwechslunsgreiche Werkschau gelungen, die sämtliche Facetten in der Beziehung zwischen Auto und Kunst aufzeigt. Bereits zu Beginn zeugt der schiefe «Renault 25» des deutschen Objektkünstlers Erwin Wurm von der veränderten Sichtweise, die die Besucher erwartet. Räumlich wie ein riesengrosses Rad konzipiert, wandelt man durch die Themen der Ausstellung: das Auto als Ware, als religiöses oder sexuelles Objekt, als Ort des Rückzugs und der Flucht oder als skulpturelles Mahnmal nach einem Unfall. 160 Kunstwerke von 80 Künstlerinnen und Künstlern sind zu sehen, darunter Andy Warhol , Robert Frank, Richard Prince oder Gerhard Richter.

Ihnen allen gelingt es, den Blick aufs Auto so zu kalibrieren, dass Unerwartetes im Kopf des Betrachters entsteht. Die glasklaren Fotografien des Nidwalder Polizeifotografen Arnold Odermatt (*1925) aus den fünfziger Jahren faszinieren ebenso wie sie nachdenklich stimmen. Gerade auch, weil sich zu ihnen ein Bild eines unbekannten Fotografen gesellt, der den zertrümmerten Porsche von James Dean zeigt: Der Tod als Geburt eines Mythos. Bewegend auch die fünf Witwen Eva Aepplis vor Jim Clarks Lotus: ein Memento mori, das Jean Tinguely gemeinsam mit Aeppli zu Ehren Joe Sifferts schuf. Dagegen äusserst trocken wirkt die Skulptur «Compression d’automobile Volvo» (1980) von César: nicht frei von Ironie wird hier das Auto von seiner einstigen Identität befreit aufs Blech reduziert.

Überspitzt und provokativ ist die Serie «Bodywork» (2006) von Liz Cohen. Die Künstlerin räkelt sich gleich selbst lüstern auf dem Dach eines Wagens. Allerdings ist der Wagen keineswegs ein schillerndes Gefährt, sondern bloss ein frisierter Trabant. Von solchen Darstellungen waren die die Futuristen zu Beginn des letzten Jahrhunderts und kurz nach der Geburt des Automobils noch weit entfernt: sie versuchten die neue Erfindung gleich bis zur Unkenntlichkeit zu abstrahieren. Ganz anders dagegen die Protagonisten der Pop-Art wie Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Franz Gertsch oder Peter Stämpfli: sie plakatierten das Ikonenhafte auf schrille Art und Weise. Und diese fast schmerzhafte Gegenständlichkeit wurde in der Folge weiter variiert, bei Damian Ortega in «Cosmic Thing» (2002) gar zum Urknall erhoben, während sich Sylvie Fleurys Bronzeabgüsse von Chevy-, Pontiac- und Dodge-Motoren wie überpotenter Schmuck präsentert. Fleury ist übrigens die Gründerin des Genfer Frauenautomobilclubs und in ihrem Video «Car Wash» (1995) nimmt sie denn auch gleich die sexuell aufgeladene Beziehung zwischen Muscle Car und Weiblichkeit auf die Schippe.

Aber am Ende ist es die Vielfalt der Auseinandersetzung, all die Gefühlswelten, die hier aneinandergereiht sind, die «Fetisch Auto» zu einem gigantischen Denkmal zu Ehren des Automobils werden lässt. Ob Malerei oder Skulptur, Installation oder Video – in ihrer Summe stehen die gezeigten Werke nicht nur für einen Rundgang durch sämtliche Epochen der Kunst des 20. Jahrhunderts, sondern sie ermöglichen dem Betrachter eine neue Perspektive auf ein Objekt, das er zu kennen glaubte. Mit «Fetisch Auto» ist dem Museum Tinguely ein grossartiger Coup gelungen: eine Ausstellung für Jung und Alt, für Kunstliebhaber wie für Menschen, die ansonsten einen weiten Bogen um ein Museum machen würden. Etwas Besseres als «Fetisch Auto» konnte dem Automobil zu seinem 125. Geburtstag gar nicht passieren.

 

#-#IMG2#-##-#SMALL#-#Die Ausstellung «Fetisch Auto – Ich fahre, also bin ich» im Museum Tinguely in Basel dauert bis zum 9. Oktober.

Täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr (Montag geschlossen). Führungen jeweils Sonntags, 11.30 Uhr (im Ticketpreis von 15 Franken inbegriffen)

Zudem ist zur Ausstellung ein ausführlicher Katalog erschienen:

«Fetisch Auto – Ich fahre, also bin ich». Kehrer Verlag. 335 Seiten, gebunden. Mit zahlreichen Abbildungen und Beiträgen von Roland Wetzel, Hartmut Böhme, Ludger Lütkehaus, Manuela Kraft und anderen. CHF 68,00#-#SMALL#-#

 

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