2. November 2009

«Reinventing Ritual», The Jewish Museum, New York

Das Ritual im Reality-Check einer jungen Generation

Keine andere Religion ist derart von Ritualen geprägt wie das Judentum. Und in keiner anderen Religion findet eine derart spannende und intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Identität statt. In New York, der Stadt von Woody Allen und John Zorn, zeigt nun das Jewish Museum unter dem Titel Reinventing Ritual eine Ausstellung, in der sich die zeitgenössische Kunst mit der jüdischen Tradition auseinandersetzt.

Von Rudolf Amstutz
Talila Abraham (Israeli *1965) «Dantela», 2004, stainless steel: etching. Courtesy of the artist, Kfar Truman, Israel

(Dieser Beitrag erschien erstmals in: TheTitle Nr. 28, 2.11.2009)

Gerade in New York, der grössten jüdischen Hochburg ausserhalb Israels, werden die Kontraste deutlich: auf der einen Seite Künstler wie der Filmemacher Woody Allen, der Musiker John Zorn oder der Autor Jonathan Safran Foer, die die jüdische Identität unentwegt mit der Gegenwart konfrontieren. Und auf der anderen Seite die orthodoxen Juden, die der Gegenwart eine unverrückbare Identität entgegenstellen.

Es ist in der Tat so, dass es keine andere Religion gibt, die derart von Ritualen geprägt wird. Die Frage ist nur, wie man diese Rituale interpretiert. Nur die permanente Infragestellung erhält ein Ritual und dessen tiefere Bedeutung am Leben. Geschieht dies nicht, verkommt der Vorgang zur reinen inhaltsleeren Routine. Es sind gerade die permanent sich wechselnden Herausforderungen, mit denen die Menschen im heutigen Alltag konfrontiert werden, die den Wunsch nach Werten und nach Tradition wieder aufleben lässt. Nach Jahrzehnten, in denen sich Generationen von den kulturellen Ritualen entfremdeten, sie zu formal, zu repetitiv oder zu langweilig empfanden, scheinen vorbei. Doch damit ist nicht eine ultrakonservative Rückbesinnung verbunden, sondern eine Art Neuanfang mit Hilfe einer uralten Identität. Dinge werden zueinander in Beziehung gebracht: eine Bibel und ein iPod schliessen sich gegenseitig nicht aus. Ebensowenig geistliche Musik aus der Vergangenheit und deren avantgardistische Neubearbeitung, wie geschehen durch John Zorn und dessen Ensemble Masada. Matisyahu, ein hassidischer Jude, und damit tief in der Vergangenheit verwurzelt, veröffentlicht Platten, auf denen er seine Hip-Hop-Wurzeln nicht leugnet. Und Woody Allen konfrontiert seine jüdische Identität unentwegt mit jener eines Grossstadtneurotikers.

Die Unverrückbarkeit auf der einen, der ungemein freie Umgang auf der anderen Seite, lässt sich so weder im Christentum noch im Islam erkennen. Als ältestes und grösstes jüdisches Museum in den USA, hat sich das Jewish Museum New York seit den vierziger Jahren dafür stark gemacht, das Judentum unter dem Blickwinkel der zeitgenössischen Kunst und Architektur zu betrachten. In den fünfziger Jahren präsentierte das Museum Ausstellungen wie The Next Wave of Abstract Expressionism oder Artists of the New York School: Second Generation. Artist-in-Residence- Programme wurden gegründet und die permanente Reflexion der jüdischen Kultur mit der jeweiligen Gegenwart wurde zur Hauptaufgabe der Institution.

Dabei schlossen die Kuratoren Nichtjuden niemals aus. Die Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart sollte auch externe Sichtweisen zulassen – nur so lässt sich auf Dauer ein substanzieller Dialog aufrecht erhalten. In den neunziger Jahren wurde The Hanukkah Project – Light x Eight gegründet, eine Biennale, die sich mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit Licht befasst, einem wesentlichen Teil des Judentums. Dafür wurde 1998 etwa auch der international renommierte isländische Künstler Olafur Eliasson für eine Lichtskulptur an der Fassade des Museums gewonnen.

Das Jewish Museum hat sich in seiner langen Existenz nie als isoliertes Projekt verstanden. Im Gegenteil: ob gleichgeschlechtliche Liebe oder die Verständigung unter den Völkern, ob Tabu oder Provokation: es ist eine Institution, die stets Türen geöffnet hat, für ein neues Denken im Umgang mit alten Traditionen. Und so erstaunt auch die jetzige Ausstellung kaum: Reinventing Ritual erlaubt jüdischen Besucherinnen und Besuchern einen neuen Blick auf die alten Rituale und Nichtjuden einen Blick auf die Tradition durch das Auge der zeitgenössischen Reflexion. Unterteilt in vier Sektionen – Covering, Absorbing, Building und Thinking – nähert sich die Ausstellung den klassischen Ritualen des jüdischen Alltags. Alle vier Schwerpunkte basieren auf den spezifischen Aktionen, die es Juden ermöglicht, eine dynamische Beziehung zu anderen Menschen, ihrer Gemeinde oder der natürlichen und geistigen Umgebung zu kreieren.

Alle versammelten Arbeiten haben eines gemeinsam: sie hinterfragen die traditionelle Praxis. Allerdings geschieht dies nie auf eine hinterhältige Art. Die Dekonstruktion, ein Markenzeichen der Postmoderne, ist hier einer Rekonstruktion gewichen. Die Mauern wurden früher einst abgebrochen, in den Sechzigern etwa von Menschen wie Allen Ginsberg oder Wallace Berman, die die jüdische Romantik mit der Sexualität der Love-Generation verbanden. Die jungen Künstlerinnen und Künstler, die meisten davon aus den USA und Israel, provozieren nicht um der Provokation willen. Wenn schon, auf subtile Art und Weise, indem sie das Ritual von ihrer Funktionalität befreien und es auf einem formalen oder strukturellen Level neu erfinden. So präsentiert Azra Akšamija aus Bosnien-Herzegowina (geb. 1976) ihre Frontier’s West (2007), eine Weste, konzipiert für die ideologische, religiöse und geographische Grenze zwischen Israeli und Palästinenser, lässt sie sich doch sowohl in einen jüdischen Gebetsschal umfunktionieren wie in einen islamischen Gebetsteppich.

Die Verbindung zweier traditionell getrennter Elemente ist eines der Hauptmerkmale der Werke in Reinventing Ritual. Vieles ist im Judentum geprägt von einer strikten Trennung der Geschlechter und ihrer Funktionen innerhalb des religiösen Alltags. Oreet Ashery (Britin, geb. 1966) verkleidete sich als Mann, um an einer traditionell nur Männer vorbehaltenen Pilgerstätte aus der Sicht eines Aussenseiters die Rituale zu beobachten. Das Video Dancing with Men (2003/2008) erlaubt einen Einblick in eine Art spirituelle Rave-Party, bei der die Künstlerin religiöse Solidarität einzig erfahren durfte, in dem sie ihr Geschlecht verleugnete. Auch Rachel Kanter (USA, geb. 1970) macht sich für eine Erweiterung der weiblichen Rolle stark, in dem sie in Fringed Garment (2005) eine Küchenschürze und einen Gebetsschal zu einem einzigen homogenen Kleidungsstück verbindet, das den Frauen neben der dominanten Rolle im Haushalt auch zu einer verstärkten Position in der (männlichen) Tradition des Gebets verhilft. Auch Hadassa Goldvicht (Israel, geb. 1981) hinterfragt ein rein männliches Ritual: Wenn ein jüdischer Junge seinen dritten Geburtstag feiert, tritt er in orthodoxen Gemeinden zu seinem ersten Schultag an. Der Lehrer tropft dabei Honig auf das hebräische Alphabet. Durch das Ablecken des Honigs vom beschriebenen Papier soll dem Jungen klargemacht werden, das Lernen etwas Süsses ist. Goldvicht zeigt sich in ihrem Video Writing Lesson #1 (2005) hinter einer von Honig verkleckerten Glaswand, von dem sie nun den Nektar ableckt und so dem männlichen Ritual eine dominant weibliche Sinnlichkeit verleiht.

Die heilige Schrift und deren Studium ist für einen praktizierenden Juden ein tägliches Muss. In der Bibel befiehlt Gott Ezekiel eine Schriftrolle mit Klageliedern zu essen, um anschliessend das Wort dem Volk zu verkünden. Die Torah wirklich zu erlernen, heisst denn auch eine physische und spirituelle Interaktion zwischen Geist und Körper zu praktizieren. Das Creative Science Project von Johanna Bresnick (USA, geb. 1973) und Michael Cloud (USA, geb. 1975) präsentiert From Mouth to Mouth (2006) mit ultrakleinen biblischen Schriftrollen, verpackt in handelsüblichen Gel-Kapseln. Damit lassen sich die Worte wie ein Medikament schlucken. Die physische Auseinandersetzung erfährt damit einen neuen, fast wissenschaftlich anmutenden Faktor: das Wort löst sich im Körper auf.

Dem neuen Trend einer jungen jüdischen Generation, die die koschere Nahrung unter dem Aspekt des Tierschutzes hinterfragt, folgt Tamara Kostianovsky (Argentinien, geb. 1974) mit Unearthed (2007): Ein von der Decke hängender Körper einer Kuh nach der Schächtung. Die Skulptur wurde aus Kleidern der Künstlerin gefertigt und symbolisiert damit die Verbindung von Mensch und Tier: Die roten Kleidungsstücke stehen für das Fleisch und gleichzeitig klebt das Blut des Tieres an den Kleidern.

Martin Wilner (USA, geb. 1959) hat das vielleicht provokativste Werk zur Ausstellung beigetragen: Sephirot III (2007) zeigt einen Omer Kalender, der die sieben Wochen zwischen Passover und Shavuot repräsentiert. Traditionelle Kalender bestehen aus sieben Davidsternen, die geometrische Elemente beinhalten. Wilner wollte das Nachdenken in diesen sieben Wochen neu beflügeln, indem er in die Sterne Porträts von Berühmtheiten malte, um die verschiedensten Erfahrungen mit dem jüdischen Glauben neu aufzurollen. Darunter findet sich auch Madonna, die mit der Verwendung von Kabbalah als rein dekoratives Element, nicht nur in jüdischen Zirkeln für Aufregung sorgte.

Reinventing Ritual zeigt als Ganzes eine Möglichkeit auf, wie man bestehende Abläufe und Strukturen des Alltags oder des religiösen Lebens neu bewerten kann: indem man der Kunst den Raum zur Reflexion zur Verfügung stellt. Und dies wiederum hat nichts Jüdisches an sich, sondern steht für einen allgemein menschlichen Drang, sich mit den Dingen, die einen umgeben auseinanderzusetzen. Reinventing Ritual ermuntert den Betrachter, die eigenen Rituale und Wertvorstellungen zu hinterfragen und sie von einer veränderten Perspektive aus zu betrachten.

 

#-#IMG2#-##-#SMALL#-#Reinventing Ritual. The Jewish Museum, New York.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Daniel Belasco (Hrsg.): Reinventing Ritual: Contemporary Art and Design for Jewish Life. Mit Beiträgen von Arnold M. Eisen, Julie Lasky, Danya Ruttenberg, und Tamar Rubin. Yale University Press. Hardcover mit zahlreichen Abbildungen. 176 Seiten. $ 39,95

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